Der Gesamttext des Demenz-Tagebuchs…

BITTE BEACHTEN! Das eigentliche Demenz-Tagebuch beginnt im Herbst 2012.

Davor sind nur vereinzelte Notizen aus früheren Jahren aufgeführt, in denen unsere Oma eine Rolle spielte. Die Bezeichnungen “Oma” und “Mama” wechseln zu Anfang. Um Irritationen zu vermeiden, wird das schrittweise vereinheitlicht, und zwar zur “Oma” hin.

15. Oktober 2004

Urlaub zusammen mit Oma auf Sardinien. Heute Morgen hatte die Oma wieder einen ihrer gefürchteten Auftritte. “Es zieht”, sagte sie, als wir draußen auf der Terrasse saßen. Rita lachte und meinte, wir seien doch draußen. Oma ging ins Haus durch die Küche und den Flur und schloss in ihrem Zimmer das Fenster. Jetzt sei es besser, stellte sie fest, und als wir ihr das nicht so recht glauben wollten, wurde sie böse.

Sie wollte nichts weiter essen, stand vom Tisch auf und verschwand in ihrem Zimmer. Solche Nörgelanfälle hatte sie auch in den vergangenen Tagen schon, wenn sie sich beim Laufen zu sehr angestrengt hatte oder einfach müde war.

Dann lästerte sie beispielsweise über die Landschaft. Bloß zum Ankucken sei die, aber was hätten die Leute hier denn sonst davon. Viel Steine gab’s und wenig Brot und so weiter. Allerdings war sie dann bald wieder beruhigt und ruckelte sich ins Gleichgewicht.

Auch dieses Mal lief die Sache besser ab, als befürchtet, und wir machten uns auf zum einem Ausflug nach Cagliari.

13. Mai 2007

Muttertagsbesuch bei Mama. Anfangs kippelige Situation, weil sie noch sehr angespannt und etwas übel gelaunt war. Ursache war der gestrige starke Regen mit nicht so schnell ablaufendem Wasser auf dem gepflasterten Streifen neben ihrem Haus. Sie hat dort bis in die Nacht Wasser in den Gully geschoben. “Ich wollte sterben”, sagte sie. Und: “Ich hatte Angst.”

Objektiv gab es dafür nicht den geringsten Grund, denn bevor das Wasser vom Weg in den Keller gelangt wäre, hätte es sich längst einen Weg zum Rasen gesucht. Aber der Hinweis auf solche Tatsachen half gar nichts – im Gegenteil, dadurch fühlte sich Mama mit ihren Befürchtungen nicht ernst genommen.

Durch pädagogisches Hin und Her gelang es uns schließlich, den Druck vom Kessel zu nehmen. Am Ende war Mama wieder relativ entspannt und vergnügt.

Unglaublich, was wo ein Menschenkopf in eigener Machtvollkommenheit für einen Unsinn zusammenbraten kann…

5. Juni 2008

Gestern Abend und heute Morgen über längere Zeit versucht, Mama telefonisch zu erreichen – ohne Erfolg. Habe mir wachsende Sorgen gemacht und schon nach Telefonnummern von Nachbarn gesucht. Gerade eben (gegen 11 Uhr) war sie am Telefon. Sie hatte noch die Regentonnen sauber gemacht und war dabei, sie voll laufen zu lassen.

Und ich hatte sie schon vor meinem inneren Auge tot im Sessel oder am Fuß der Treppe liegen sehen…

9. Oktober 2009

Gestern habe ich unsere Oma besucht. Sie berichtet von ihrer Erfahrung, dass ihr manche Kochrezepte nicht mehr einfallen, obwohl sie sie schon so oft in die Tat umgesetzt hatte, ohne auch nur einen Blick auf das Papier werfen zu müssen. “Ich glaub’, ich werde verrückt”, lautete ihr Kommentar.

11. Dezember 2009

Rita ist gerade mit Oma ins Krankenhaus gefahren. Oma ist gestern gestürzt, nachdem sie auf einen Korbstuhl geklettert war, um etwas aus einem oberen Schrankfach zu holen. Jetzt tut ihr der Arm sehr weh.

24. Dezember 2009

Heiligabend zu dritt mit unserer Oma. Manches wird langsamer, unklarer und flüchtiger bei ihr. Sie vergisst alles mögliche, sagt sie, und sie macht sich Sorgen, wenn etwas nicht in den gewohnten Bahnen störungsfrei abläuft. “Dann möchte ich am liebsten sterben”, lautet ihr Kommentar. Mein Eindruck: Noch erwartet sie eher Widerspruch als Zustimmung.

Ein Beispiel für ihre Sorgen mag der Öltank liefern. Sie wollte ihn noch vor Weihnachten füllen lassen, aber das klappte nicht. Sie befürchtete, dass sie im Kalten sitzen könnte. Ich habe mir den Tank angesehen: Er ist noch etwa halb voll!

Da sie soviel allein ist, kriegen solche Gedanken in ihrem Kopf großen Schwung und neigen zu einer verselbständigten Dynamik, zumal sie viele Zusammenhänge fachlich nicht verstehen kann. Heute Morgen war es zum Beispiel im Wohnzuimmer zu kalt. Da stand aber das Ventil auch auf 2, also etwa 17 Grad Celsius, und das ist wirklich zu kalt.

28. Dezember 2009

Zusammen mit Oma zu den Kindern gefahren. –

Merkwürdige Anfälle von Nörgeligkeiten und Schroffheiten bei Oma – bis hin zu unsinnigen Unterstellungen, zum Beispiel dass wir ihre Handschuhe versteckt hätten u.ä. –

Am Abend wollte Mama kein Abendessen und ging mit ein paar Zeitungen in ihr Zimmer. Rita erzählte, auf dem Nachmittagsspaziergang mit dem Enkelkind sei die Oma ganz langsam hinterher gelaufen und habe in jeden Hauseingang gekuckt. Es ist offensichtlich, dass sie mit ihrem Enkel überfordert ist – zu viel Wildheit und Unberechenbarkeit und Eigensinn und wohl auch Ablehnung. –

Leichte Entwarnung: Oma hatte mit Übelkeit und etwas Schüttelfrost zu kämpfen, daher wohl ihr auffälliges Verhalten.

18. Juni 2010

Besuch bei Oma zum Heckeschneiden. Meine Begrüßungsfrage: “Na, ist alles klar?” Schroffe Antwort: “Nein. Warum habt Ihr mir meinen Kaffee weggenommen?”

Der Hintergrund: Sie vermisst zwei Gläser Pulverkaffee, die im Flurschrank an einer bestimmten Stelle gestanden haben soll. Der Verdacht: Wir haben ihn weggenommen, denn wir sind die Einzigen, die einen Hausschlüssel haben und jederzeit kommen können. Andere Vorwürfe: Wir stellen Dinge an andere Stellen. Wir bringen Sachen, ohne ihr etwas zu sagen und so weiter.

Dabei kann es eigentlich nicht anders sein, als dass Oma einfach ihre eigenen Handlungen vergisst und uns die vorgenommenen Veränderungen in die Schuhe schiebt. Hinweise auf mögliche Vergesslichkeit akzeptiert sie nicht.

Bei ihr zu beobachten ist eine gewisse Verzweiflung: Dann wolle sie nicht mehr leben und werde sich aufhängen oder sonstwas. Rita war heute Abend noch einmal bei Oma, und es lief dieselbe Vorwurfsarie ab…

25. März 2011

Heute habe ich im Berliner “Tagesspiegel” auf der Nachruf-Seite eine erschreckende Notiz über einen gestorbenen Mann namens Rudolf Segeletz gelesen, allerdings Jahrgang 1932. Es ging um die gefürchtete Krankheit seiner Schwester, die ihn schließlich auch erwischte, obwohl er vorher stets ein herausragend gutes Gedächtnis hatte.

“Mein Gedächtnis schwirrt hier irgendwo im Raum herum”, soll er anfangs noch gescherzt haben. Dann nahmen die Irritationen zu: “Anfangs entfielen ihm Namen, dann verschwanden Worte, schließlich wurde ihm die Umgebung rätselhaft und fremd.”

Diese Symptome kenne ich bei mir auch schon. Mal sehen, wie es weitergeht.

30. NOVEMBER 2011

Gerade eben (abends gegen 19.15 Uhr) sind Rita und ich noch zu unserer Oma in ihr Haus gefahren, weil sie sich trotz mehrerer Anrufe nicht am Telefon gemeldet hatte. Sorgenvolle Gedanken.

Bei der Ankunft ist wir immerhin Licht im Dachfenster zu sehen. Da wir einen Schlüssel haben, gehen wir ins Haus. Oma liegt oben im Bett und schläft. Sie wacht auf und sagt, dass sie unseren Anruf vorhin schon gehört habe, aber da sei sie im Keller gewesen, um Wäsche zu waschen und aufzuhängen.

Über unseren Krankenbesuch (sie leidet seit gestern unter Durchfall) hat sie sich sehr gefreut, wie sie ausdrücklich bestätigt.

1. Dezember 2011

Morgens um 7 Uhr klingelt bei uns das Telefon. Leiser Schreck, was nun wohl passiert sein könnte.

Wir hören die Stimme unserer Oma, leise und im bekannten Tonfall: “Na, seid Ihr alle gesund?” Auf Nachfrage kommt von ihr die Auskunft, dass bei ihr alles klar sei.

23. September 2012

Unsere Oma ist seit dem vergangenen Donnerstag im Krankenhaus: Dicke Beine, Druck auf der Brust, Kopfschmerzen. Glücklicherweise fühlt sie sich wohl im Krankenhaus, und es geht ihr wieder viel besser. Die Diagnose ist allerdings wegen des Wochenendes noch nicht klar. –

Bei Mama im Krankenhaus. Sie wirkte etwas müde, war aber sonst ganz munter.

28. September 2012

Mama ist wieder in ihrem Haus, in dem sie seit dem Tod ihres Mannes allein wirtschaftet. Heute sollte sie Öl geliefert bekommen. Als ich ihr das ankündigte, hörte ich am Telefon nur “Ach du Scheiße!” Mich hat dese Öllieferung den ganzen Tag über beschäftigt: Oma über den Lieferungstermin informieren, Warten auf Bestätigung der Lieferung, Warten auf die Lieferung bei uns und so weiter.

29. September 2012

Oma zu Hause abgeholt und zum Frühstücken in ein nettes Café gefahren.Sie war still, aber ansonsten ganz vergnügt.

Als Kern ihrer aktuellen Probleme sehe ich ihre Verunsicherung, das Gefühl des Fremdseins in der Welt. Sie sagt, manchmal habe sie den Eindruck, ihre Wohnung sehe zwar aus wie ihre eigene Wohnung, aber sie sei nicht ganz sicher und müsse sich dann vergewissern, indem sie durch die Räume gehe und die Schranktüren öffne.

1. Oktober 2012

Seit ihrem Krankenhaus-Aufenthalt geht es unserer Oma deutlich schlechter. Zwar schwankt der Zustand, aber die Tendenz ist eher negativ. Sie ist stark verunsichert, zeitweise verwirrt und körperlich schwächlich. Sie fühlt offensichtlich, dass etwas in ihr passiert, aber sie steht hilflos vor diesen Veränderungen. Eine gruselige Lage angesichts einer immer weniger durchschaubaren Welt ringsum. Und sie möchte so gerne von der Welt gehen und das alles hinter sich lassen! –

Das alles hängt im Moment wie eine Wolke auch über uns: Wie wendet sich diese Geschichte, und in welchen Formen passiert das? –

Ein Leben neigt sich erkennbar seinem Ende zu. Aber es bleibt die große Frage, wie über die letzte Kante hinweg zu kommen ist…

Die Vorstellung des Hangelns an der Kante finde ich grauslich.

3. Oktober 2012

Gestern ging es unserer Oma deutlich besser. Sie war mit mir in ihrem Garten hinter dem Haus und hat das Einpflanzen einiger Stauden dirigiert. Sie war gesprächig und vorsichtig optimistisch. „Na, mal sehen, ob es mir noch mal wieder besser geht“, lautete ihre Parole. –

Am Vormittag heute Spaziergang von Oma und Rita. Als wir dann nach ihrem Mittagsschlaf (lange – bis 17 Uhr!) kamen, war Oma wieder sehr verwirrt. Vorher hatte sie schon bei uns angerufen, um zu fragen, ob es Morgen oder Abend war. Im Gespräch kam es dann langsam wieder zum Zusammenknüpfen einiger Gedankenfäden.

„Bleibt das jetzt so bei mir?“ fragte Mama. Ich antwortete mit einem Bild von Wellenbewegungen mit ihrem Auf und Ab. Darauf Mamas Gedanke: „Das gehört wohl zum Leben.“ Ein trauriger Anblick, wenn ein Mensch gehen will und kann nicht.

4. Oktober 2012

Die direkte Begegnung mit dem Alt- und Siech-Werden macht mich unruhig. Das spült allerlei Ängste hoch und lässt mein Herz puckern. Wenn ich sehe, in welch rasender Geschwindigkeit Mama den Überblick über ihr Leben verliert, sollte das für mich eine Mahnung sein… –

Rita war heute Nachmittag bis zum Abend bei Oma, einschließlich Spaziergang mit Einkauf. Sie erzählte zwei witzige Kleinigkeiten: Als sie Oma ihren neuen Personalausweis hinhielt, fragte Oma nur: „Was? Nur einen?“

Und als ihr beim Mohnkuchen-Essen ein paar Körner auf das Schinkenbrot gefallen waren, zeigte Oma sich empört: „Wo kommen denn die Flöhe da her?“

5. Oktober 2012

Heute habe ich erstmals „Dienst“ bei Oma. Als ich um kurz vor 10 Uhr bei ihr im Haus auftauche, schläft sie noch ganz fest. Draußen regnet es in Strömen, und so lasse ich sie erst einmal weiter schlafen. Eine gute halbe Stunde später habe ich sie dann geweckt. Sie hat mich sofort erkannt und mit mir geredet. Das Anziehen will sie allein erledigen. Mal sehen. –

Nach einer Viertelstunde rief sie mich. Sie stand im Nachthemd und sagte: „Ich weiß nicht, was ich jetzt machen soll. Alles vergessen!“ Ich zeigte auf die Strumpfhose und die Hose. Vergewisserung: „Das soll ich jetzt anziehen? Gut.“ –

Es hat geklappt. Etwas später wieder ein Ruf: Ob sie noch etwas überziehen sollte? Und: „Sag mal, warum vergesse ich alles?“ Und: „Dann soll ich runterkommen, ja?“ –

Danach lief alles glatter: Oma hat etwas gegessen, und wir haben fast zwei Stunden lang geredet (mit so manchen Erinnerungen von ganz früher bis gestern), bis ich dann gegen 14 Uhr einen Mittagsschlaf vorgeschlagen habe und nach Hause geradelt bin.

6. Oktober 2012

Heute Morgen ist Rita zu Oma ins Haus gefahren. Die Zeitung steckte noch im Kasten, die Tabletten waren noch nicht eingenommen.

Nach dem Wachwerden die Frage an ihre Tochter: „Bist du Rita?“ Und: „Bleibst du jetzt bei mir?“ Und: „Lebe ich noch?“ (Sie hatte Sterne und andere Blitzereien gesehen.)

Dann Anziehen alleine, Kaffeetrinken, Appetit auf Milchreis. Fahrt zu uns. Sofort Mamas Wunsch, sie möchte sich ins Bett legen. Körperlich ist sie ganz schwach. –

Nach dem Mittagsschlaf hat Mama Kaffee getrunken und ein Stück Kuchen gegessen. Jetzt macht sie einen Spaziergang mit Rita. Er dauerte immerhin eine und eine Viertelstunde. –

Im Gespräch war sie wieder ganz wach: So nah am Tod und so lebendig! Der Pfad der Lebendigen ist vermuckt schmal. –

Das alles ist für mich eine sehr intensive, bedrückende und erquickende Erfahrung. Lebendigsein hat so unendlich viele Ausprägungen und Facetten! –

Heute schläft Mama das erste Mal bei uns in der Wohnung – nach einem kräftigen Abendessen mit Kürbiseintopf, Brot mit Käse und einem großen Becher Milch. –

Und wie es aktuell aussieht, wird das wohl noch eine Zeitlang so bleiben…

Das ist nun exakt das, was Rita und ich bei Freunden immer voller Entsetzen beobachtet und kommentiert haben – das enge Zusammenleben mit der alten Mutter mitten in der eigenen Wohnung. –

Nach etwa drei Stunden Schlaf wachte Mama gegen 22 Uhr auf und kam ziemlich desorientiert zu uns ins Wohnzimmer. „Ich hatte Angst“, hörte ich sie sagen. Rita bringt sie wieder ins Bett. Und dann fragte Mama noch: „Warum macht Ihr mir Angst?“-

Ein steiler Absturz: Am Donnerstag vor einer Woche ist Mama aus dem Krankenhaus gekommen. Am Tag danach hat sie in ihrem Haus die Öllieferung einschließlich Vorbereitung und Trinkgeld für den Fahrer noch allein geregelt. Am Wochenende haben wir uns – wie in den Zeiten vor dem Krankenhaus-Aufenthalt – nicht besonders gekümmert. Erst am Montagabend ist Rita zu Mama gefahren, weil wir sie telefonisch nicht erreichen konnten. Da lag sie sie schon im Bett und schlief. Seit diesem Tag sind bis heute gerade einmal fünf Tage vergangen!

8. Oktober 2012

Bei Mama gibt es im Verlauf eines Tages dramatische Schwankungen ihrer geistigen Kapazität. Gegen Abend wusste sie heut fast gar nichts mehr. Wer wohnt hier? Wo schlafe ich denn? Geht das Feuer im Kaminofen auch mal aus? Und so weiter – Oma isst sehr wenig.

9. Oktober 2012

Nachdem die Oma heute Morgen sehr schlapp und müde war,hat sie nach dem Mittagschlaf richtig aufgedreht – bis hin zu einer Krawalligkeit, wie wir sie aus früheren Zeiten durchaus kennen.

Unglaublich! Man könnte fast auf den Gedanken kommen, sie spielt uns etwas vor mit ihrer Vergesslichkeit…

12. Oktober 2012

Heute Vormittag ist unsere Oma beim Waschen im Badezimmer kraftlos zusammengesackt. Martina und ich haben sie zurück ins Bett schleifen müssen – sie hat ihre Beine nicht einmal mehr bewegt. Im Bett hat sie zweimal einen großen Schluck Wasser getrunken. Seitdem schläft sie. –

Gester kam ein Brief von Omas Enkelkindern mit allerlei Fotos. Sie hat ohne Ausnahme alle Kinder auf den Fotos erkannt. Auch heute hatte ich nicht den Eindruck, dass Martina und ich ihr fremd waren.

Gegen Abend war Mama wieder auf den Beinen und ist zur Toilette gegangen. Sie saß auf der Bettkante und hat getrunken und den Mund ausgespült. Aufstehen wollte sie aber nicht.

Ich saß eine Zeitlang bei ihr auf der Bettkante, und sie fragte ganz viel: “Wann kann ich wieder nach Hause? Was sagt deine Mutter denn, wenn ich hier wohne? Wo sind mein Vater und meine Mutter?” Und auch dies: “Woran bin ich denn gestorben? War ich krank?”

Alles wirkt wie ein etwas ratloses Tasten im Nebel ihrer Erinnerungen. Manches kam ihr dabei wieder in den Kopf. Sie fragte, ob Rita (also ihre Tochter) auch Kinder habe und ließ sich die Namen ihrer Enkel und Urenkel aufzählen. Manches Mal zuckte sie mit den Schultern und meinte: “Ich kriege das alles nicht mehr zusammen.”

Schön ist, dass Oma ganz ruhig wirkt, wirklich entspannt. Mich berührt diese Situation ganz tief: Da sitze ich neben jemandem, der ganz nahe am Sterben ist, und dieser Mensch sinniert ganz ruhig einzelnen Eriegnissen seines Lebens nach. Keine Angst vor gar nichts! Das ist etwas Wunderbares.

Ich wünsche unserer Oma sehr, dass sie auch über die letzten Klippen in der größten Seelenruhe hinweg gleitet. –

Sterben gehört zum Leben dazu – auf diesen Gedanken hatte ich mich in den Gesprächen mit Mama mehrfach geeinigt. Trotzdem fällt es mir schwer, diesen Gedanken mit fröhlichem Herzen zu akzeptieren. Dazu ist der Grundton meiner Seele wohl zu melancholisch.

Und trotzdem: Was für ein Glück, vor einer solchen Erfahrung nicht flüchten zu können.

Diese Erfahrung wird meinen Lebens-Rest bereichern und meine Lebens-Lust befeuern. Was für ein Glück, in Ruhe zu sterben. Aber was für ein noch größeres Glück zu leben. Deutlich wird mir nach diesen Schreibereien übrigens wieder, dass über manche Formen des Glücks nicht angemessen geredet oder geschrieben werden kann.

13. Oktober 2012

Mama hatte eine sehr unruhige Nacht, und Rita mit ihr. Morgens war der Hausarzt noch einmal da. Danach ist Mama aufgestanden und saß eine Zeitlang in der Küche.

Ich bin in Mamas altes Haus gefahren und sitze dort im Wintergarten. Hier ist alles wie immer. Ich kämpfe mit meiner Erschütterung, wenn ich betrachte, was hier alles noch für eine Zukunft gestaltet wurde, die Mama nicht mehr erleben wird – von der Vorratshaltung im Keller bis zu den erntereifen Äpfeln und den frisch gepflanzten Blumen für das kommende Frühjahr.

Aber genau so muss es sein, wenn nicht schon zu früh in der Gegenwart das Sterben sichtbar beginnen soll. –

Als ich nach Hause kam, hatte die Oma Brot und Banane (Stücke!) gegessen und Kaffee (fast einen Becher!) getrunken. Dann lief sie mit leichter Unterstützung durch die ganze Wohnung bis zu ihrem roten Sessel vor dem Kamin. Dort las sie einen Brief der Enkelkinder laut vor und sah sich die beigelegten Fotos an. Danach wollte sie wieder schlafen. –

Man fasst es nicht: Jetzt sitzt die Oma seit mehr als drei Stunden auf ihrem roten Sessel im Wohnzimmer und erzählt, fragt und liest laut Zeitung. Sie wirkt ganz wach, obwohl sie weiterhin verwirrt ist und in einer eigenen Welt lebt. Allerdings ist diese Welt keineswegs abgeschottet von unserer. Rita hält das alles mit bewunderswerter Energie durch, während ich noch mal für ein halbes Stündchen geflüchtet bin.

Nach dem Abendessen hat die Oma noch bis kurz vor 20 Uhr mit am Feuer gesessen. Nun will sie schlafen gehen.

14. Oktober 2012

Nach einer etwas unruhigen Nacht mit vielen Gesprächen (Rita hat neben Oma in unserem Ehebett geschlafen) war die Oma schon vor 7 Uhr putzmunter und sitzt nun nach dem Frühstück im Sessel vor dem Feuer. Slie ist gesprächig, lachlustig, reaktionsschnell.

Ein Beispiel: Die Lektüre der Gartenzeitschrift bestand in den vergangenen Tagen aus dem Starren auf eine Seite und dem Murmeln: “Ich verstehe das alles nicht.” Jetzt liest und blättert sie wie früher.

Rita gegenüber ist sie ganz zärtlich: Wie gut ich mich hier erholt habe!” sagte sie gerade. Es ist, als wären verschüttete Schichten in ihrer Seele wieder freigespült worden.

Spazieren gehen wollte sie aber nicht. “Das schaffe ich nicht mehr”, sagte sie lächelnd in ganz entspannter Klarheit (kurz danach erklärte sie sich bereit, einen Gang durch den Garten zu machen, und daraus wurde dann ein Gang ums Viereck in unserem Quartier).

“Ja”, meinte sie gerade, “auf mich muss man schon aufpassen”, und dann lachte sie aus vollem Herzen. Wir lachten auch. Omas Kommentar: “Ein bisschen Spaß muss sein, nich?” –

Das Ganze wirkt auf mich, als wäre in ihrer schweren körperlichen Krise der vergangenen Tage mitsamt dem Nichts-mehr-essen ein Belag von ihren Gehirnzellen einfach abgewischt worden. –

Das Essen hat Mama den ganzen Vormittag (mehr als drei Stunden) abgelehnt. Rita sagte gerade zu ihr, dass wir heute Abend ins Theater gehen wollen und dass unsere Nachbarin Gerhild kommen würde. “Geht man, kein Problem”, lautet ihre Reaktion. –

Hier schlüpft ein alter Mensch im Schnelldurchgang von einer larve in die andere – ein Wechselbad der Gefühle, das mich auf immer wieder andere Art erschüttert. –

Nach einem längeren Mittagschlaf sitzt Mama auf ihrem roten Sessel, hat Kaffee getrunen und blättert im Familienalbum – alles wie vor ihrem Aufenthalt im Krankenhaus, nur fröhlicher und entspannter.

15. Oktober 2012

Gestern waren Rita und ich im Theater, und die Oma hat mit Nachbarin Gerhild munter über alte Zeiten geplaudert. Bis 22 Uhr war sie höchst vergnügt mit am Gespräch beteiligt. –

Heute Morgen gab es einen sehr unglücklichen Start für den Pflegedienst. Oma schlief noch und wurde von mir geweckt und war offensichtlich mit der Situation überfordert. Mir ging es nicht anders. Oma wollte weiterschlafen und erst alles mit Rita besprechen, obwohl wir selbstverständlich während der vergangenen Tage den morgendlichen Besuch des Pflegedienstes angekündigt hatten.

Die Mitarbeiterin des Pflegedienstes fuhr unverrichteter Dinge wieder ab. Als sie das nächste Mal bei uns auftauchte, war auch Rita gerade angekommen. Allerdings hatte sich die Oma mittlerweile schon allein gewaschen und angezogen. Sie fühlte sich aber so matt und appetitlos, dass sie wieder ins Bett ging. Seitdem schläft sie. Geistig war sie so klar wie gestern. –

Vergänglichkeit und Endlichkeit – so heißt aktuell mein großes Seelenthema. Und obwohl alles gut ist, drückt es mir auf die Seele. –

Mein ruhiger Alltag als Rentner ist durch die langsam sterbende Oma aus dem Lot gebracht worden. Eine solche direkte Erfahrung sollte mich stärken und erquicken. Wem sind denn solche durchrüttelnden Erfahrungen heute noch möglich…

18. Oktober 2012

Das Auf und Ab mit unserer Oma geht weiter. In guten Zeiten ist sie ganz wach und präsent, in schlechteren stellt sie Fragen wie “Lebt denn deine Mutter noch in ihrem Haus?” oder “Woher weißt du, dass das meine Handtasche ist?” –

Die Rolle der Pflegerin hat sich mittlerweile ganz gut eingependelt. Oma findet sie sehr nett. –

Mama isst immer weniger und wird körperlich sichtbar schwächer, obwohl sie heute am Vormittag und am Nachmittag einen Spaziergang gemacht hat. Aber es geht immer langsamer voran. –

Vorhin ist Mama wach geworden. Sie hat sich Licht angemacht und das letzte Foto von ihrem Albert in die Hand genommen. Rita hat mit ihr längere Zeit darüber und über andere Dinge geredet. Jetzt ist das Licht wieder aus.

20. Oktober 2012

Heute Mittag war Mama nach einem Spaziergang mit Rita völlig erledigt, obwohl sie die ganze Zeit nur im Rollstuhl gesessen hat (den Rollstuhl haben wir seit gestern).

Am Nachmittag im Sessel wirkte sie wieder munterer, aber sie konnte ihre Enkelkinder auf einem Foto nicht unterscheiden. Nur ihr Ur-Enkelkind hat sie erkannt.

21. Oktober 2012

Ein verrückter Alltag ist das, den wir zur Zeit leben mit unserer Wohngemeinschaft zu dritt. Aber es ist auch ein erhellender Alltag und einer, der mich staunen macht. Ob dies ein Beispiel sein kann für den Gedanken, dass Freiheit (auch mal) als Einsicht in die Notwendigkeit zu betrachten ist?

25. Oktober 2012

So langsam spielt sich wieder so etwas wie ein Alltag ein, allerdings durch Ritas Urlaub erheblich erleichtert. Omas Zustand hat sich körperlich stabilisiert. Ihre Verwirrung schwankt zwischen fast unauffällig und sehr deutlich.

Vorgestern war sie das erste Mal wieder in ihrem eigenen Haus. Sie hat den Besuch eher gleichmütig aufgenommen, aber da kann man nicht sicher sein.

Oma schläft immer noch viel und gern.

2. November 2012

Heute Morgen sind Omas Enkel und Urenkel wieder nach Haus gefahren. Am Abend zuvor waren wir alle zusammen zum Essen in unserem griechischen Restaurant an der Ecke. Oma war zufrieden und beweglich, auch wenn ihr Erinnerungsvermögen weiterhin stark schwankt. Körperlich geht es ihr ziemlich gut. Gestern hat sie zusammen mit ihrem Enkelkind zweimal den Bootsteich in Speckenbüttel umkreist. –

Mit Rita habe ich heute Morgen besprochen, dass wir unsere Wohngemeinschaft mit unserer Oma diesen Monat erst einmal weiterlaufen lassen, zumal die Beeinträchtigungen für uns übersichtlich sind. Mama schläft morgens, bis die Mitarbeiterin des Pflegedienstes gegen 9.30 Uhr kommt. Danach Frühstück, Sitzen am Feuer, Spaziergang, Mittag und meistens gegen 12.30 Uhr der Mittagschlaf bis etwa 15.30 Uhr. Kaffeetrinken, Spaziergang o.ä, Abendbrot und gegen 19 Uhr Nachtruhe.

3. November 2012

Wer Mama erlebt, kann ihre Probleme leicht übersehen, zumindest auf den ersten Blick. Gerade eben hat sie ausdauernd Zeitung gelesen. Rita fragte dann von ihrem Schreibtisch aus nach der Uhrzeit, die Mama problemlos von ihrer Armbanduhr ablesen konnte (Abends halb neun).

Nun wollte Mama ins Bett und sprach mit Rita über die abendliche Prozedur. Als sie ins Badezimmer hinein lugte, zögerte sie. Ich half ihr, den Lichtschalter zu finden, und Mama sagte: “Aber hier war ich noch nie!” Ich öffnete die nächste Tür und zeigte auf ihr Bett. “Ja, das kenne ich wieder”, bestätigte Mama. –

Trotz ihrer oft erstaunlichen situativen Wachheit scheitern bei Mama viele Einordnungen in zeitliche und räumliche Zusammenhänge. –

Mama ist in ihrem Seelen-Grundton absolut nicht rührselig. Als sie neulich das Foto von ihrem Albert küsste, tat sie das ganz entspannt und ohne ein Wort dazu zu sagen.

4. November 2012

Als Rita heute zum klingelnden Telefon ging, fragte Mama: “Ruft denn meine Mutter auch mal an? Das Bertchen?” Als sie nach dem Abendessen ins Wohnzimmer kam, fragte sie nach den Personen auf einem Foto, das eines ihrer beiden Enkelkinder samt Frau und Sohn zeigte. Rita erklärte es ihr. Sie konnte sich nicht erinnern: “Die Frau habe ich noch nie gesehen.” Als Rita ihr sagte, die drei seien doch vor wenigen Tagen bei uns zu Besuch gewesen, zuckte die Oma nur mit den Schultern.

5. November 2012

In der vergangenen Nacht hat sich Mama zweimal heftig übergeben; sie klagte über schlimme Krämpfe im Bauch. Heute ist offensichtlich alles wieder im Lot. –

Unser Haushalt scheint umschlichen vom Demenz-Problem: Mama ist mittendrin, und Rita und ich pirschen uns offensichtlich heran. Ich habe gerade im letzten Kapitel des Erinnerungsbuchs von Inge Jens gelesen – über Walter Jens’ Weg in den völligen Verlust seines Selbst. Die Anfänge mit den kleinen Vergesslichkeiten und Wirrnissen erleben wir selbst auch tagtäglich…

Bemerkenswert ist die Phase, in der der größer werdende Verlust des Erinnerungsvermögens als Bedrohung erlebt und gefühlt wird – eine Phase mit depressiven Stimmungen und abnehmender Schaffenskraft.

6. November 2012

Rita ist mit Mama in deren altes Haus gefahren. Ich erlebe einige der seltener gewordenen Stunden allein vorm Kamin und mit völlig freier Bahn zum Tun und Lassen. Ich könnte das als schmerzlichen Verlust empfinden, dass ich so selten so viel Zeit für mich habe, aber ich tue es nicht. Die Sache bleibt zwiespältig. Erst einmal ist die häusliche Lage einfach nur anders, nicht schlechter. –

Inge Jens macht in ihrem Buch “Unvollständige Erinnerungen” sehr anschaulich, wie schillernd und widersprüchlich un unlogisch sich Demenz im Verhalten eines Menschen zeigt. Die Existenz hat einen ver-rückten Bezugsrahem erhalten, in dem sich ein verwirrtes Ich sprunghaft und ruckartig bewegt. So kann es zumindest von außen wahrgenommen werden.

7. November 2012

“Es wird schlimmer mit meiner Vergesslichkeit”, sagte Mama gerade. Das Konzentrieren mache ihr große Mühe, und einen Augenblick später habe sich alles sowieso wieder vollkommen verwirrt. –

8. November 2012

“Nach den Steinen tastend den Fluss überqueren”, lese ich gerade in der Zeitung eine chinesische Weisheit. So versuchen wir es auch mit unserer Oma. –

Immer wieder erstaunlich ist es, dass die Oma nach dem Essen in der Küche oder nach einem Spaziergang im ersten Wohnzimmer stehen bleibt und irritiert herumblickt, ohne den Weg zu ihrem roten Sessel ein Stückchen weiter hinten zu entdecken..

10. November 2012

Am heutigen Morgen ist Mama ganz wacklig auf den Beinen. Sie hat bis gegen Mittag im Bett verbracht, weil sie sich schwindelig und schwach fühlte. Relativ hoher Blutdruck.

Als ich heute zu Mama an den Frühstückstisch kam, zeigte sie nach einem kurzen Blick auf mich und sagte: “Der macht mit mir immer die Spaziergänge.” –

Unsere Oma mitten in unserem Haushalt hat manches über den Haufen geworfen. Heute haben wir wieder Schränke hin und her getragen, um unser Schlafzimmer zu verlegen und auf diese Weise Omas Zimmer direkt neben dem Bad einzurichten. –

Am Abend saß die Oma bis 22.30 Uhr auf meinem (früheren) roten Sessel vor dem Kamin. Was früher für mich eine Alltäglichkeit war, hat sich zu einem seltenen Ereignis entwickelt. –

Die ganze Situation hat für mich etwas Berührendes.

11. November 2012

Die Renovierung von Mamas Zimmer erweist sich als Problem. Jetzt ist “ihr” Zimmer leer, und sie soll für ein paar Tage wieder in einem anderen Zimmer schlafen. Da liegt sie nun im Bett und ist ganz verwirrt, berichtet Rita gerade. “Wo bin ich denn hier?” murmelt sie immer wieder. Ich bin gespannt, wie wir die Aktion über die Bühne bringen.

Dick zu unterstreichen ist jedenfalls der Kerngedanke für Menschen wie Mama: Jede Art von Veränderung in den Lebensumständen ist Gift für ihre Seele. –

Da Mama weint und jammert “Das Zimmer ist nicht schön”, schläft Rita jetzt bei ihr im Doppelbett im Ausweich-Zimmer. Welch ein Seelen-Drahtseilakt ist hier zu beobachten!

12. November 2012

Mit einem kleinen Kraftakt haben wir heute Mamas Zimmer mit Möbeln aus ihrem Haus eingerichtet, nachdem die Wände schon am frühen Nachmittag fertig angemalt waren. Mama freute sich, als sie die Tür aufmachte: “So schön habe ich mir das nicht vorgestellt!”

Ich habe dann mit ihr dort Tee getrunken und danach einen Spaziergang gemacht. Jetzt orientiert sie sich in ihrem “neuen” alten Zimmer.

14. November 2012

Die Oma beginnt, ihre Vergesslichkeit als Tatsache zu akzeptieren. Zwar schüttelt sie den Kopf darüber und wundert sich über das Eigenleben ihres Gehirns, aber sie verzweifelt nicht mehr wegen dieses Leidens. Heute ist sie wieder ganz wach und munter. Nach dem Frühstück schält sie Äpfel für das Apfelmus. –

Meine Vorstellung: In Mamas Gehirn vagabundieren einzelne Gedanken, die plötzlich auftauchen und wieder verschwinden. Heute tauchte beispielsweise ganz unvermittelt der Gedanke auf, dass ihr jüngeres Enkelkind mit Frau an diesem Wochenende zu Besuch kommen.

Tatsächlich im Gespräch war das vor rund sechs Wochen. Danach fand der Besuch auch tatsächlich statt (woran sich Mama in diesem Moment nicht mehr erinnert). Aber der Gedanke mit dem geplanten Besuch schlummerte weiterhin in ihrem Kopf und tauchte jetzt ganz unvermittelt wieder auf. So etwas sorgt für Verwirrung – das lässt sich leicht nachvollziehen.

Ganz unvermittelt kann es auch passieren, dass sie ihr Urenkelkind einem falschen Enkelkind zuordnet und dass sie die Partnerinnen der Enkelkinder durcheinander bringt und so weiter – alles überraschende Ausfälle, die durch ebenso überraschende Einfälle tariert werden.

Das erzählt mir Rita gerade: Sie gibt Oma ihre abendliche Tablette. Daraufhin küsst Oma ihre Rita und sagt: “Da hast du auch noch was von der Tablette!”

18. November 2012

Noch lachen wir über solche Geschichten: Vorhin sprach Rita statt von der “Wilden Clematis” von “Wilden Clementinen” in unserem Vorgarten… –

Rita ist noch einmal mit Mama in das alte Haus gefahren. Ich sitze mal wieder allein vor dem Kamin, mit einem Glass Prosecco. Heute Vormittag sprach Rita mit Mama und stieß auf Protest: Sie wolle weder eine bezahlte Begleitung für Spaziergänge o.ä. haben noch an irgendwelchen Tagesausflügen teilnehmen.

“Mama ist wieder auf Krawall gebürstet”, resümierte Rita. Das kann wohl noch heiter werden. –

Ich beobachte an mir selbst mit einem gewissen Erschrecken eine schwindende Treffsicherheit bei der Wortwahl. Ich verhaspele mich und werde unsicher, weil mir nicht die gewünschten Worte in den Kopf und auf die Zunge kommen.

19. November 2012

Rita erzählte heute, Mama habe ihr während des Spaziergangs gesagt: “Sonst geht immer ein junger Mann mit mir spazieren.” Als Rita diese Bemerkung während unseres Mittagessens zitierte, blickte Mama nach rechts zu mir und sagte: “Das ist der da.” Ich konnte das nur bestätigen: “Das stimmt.” Mamas Reaktion: “Was soll ich denn machen, wenn ich immer die Namen vergesse!”

Viele Beispiele zeigen, dass Mama fast alle Namen immer wieder mal vergisst. Auch Rita wurde neulich von Mama gefragt: “Wie heißt du?”

20. November 2012

Heute gegen 16.30 Uhr sind wir zusammen mit Mama nach Bremen gefahren und haben zuerst einen Spaziergang von der Bürgerweide bis zum Marktplatz und zurück gemacht. Danach waren wir im Circus Roncalli. Die Vorstellung dauerte rund drei Stunden und war auch für Mama sehr vergnüglich.

Um Mitternacht waren wieder wieder zu Hause. Mama hat das alles erstaunlich leicht und locker mitgemacht.

21. November 2012

Heute habe ich erstmals einen Spaziergang mit Mama gemacht, auf dem sie mich dirigiert hat – von unserer Wohnung bis zur Hafenstraße und zur Buchhandlung Mausbuch und von dort auf einem anderen Weg zurück. Mama wirkte ganz sicher und lief mit flottem Schritt. –

Nur wenige Stunden später am Abendbrotstisch passierte dann dies: Rita fragte, ob Mama vielleicht mal Lust habe ins Kino zu gehen. Mama winkte mürrisch ab. Ich erinnerte sie daran, dass sie gestern zuerst auch nicht mit zum Zirkus in Bremen fahren wollte und dass sie im Nachhinein doch sehr froh war über das Mitkommen.

Mama reagierte mit einer abwinkenden Handbewegung und der Bemerkung: “Iss du man weiter, und dann ist es gut.”

Später wurde der Hintergrund für ihre mürrische Haltung deutlich: Sie hatte ihre Handtasche samt Portemonnaie versteckt und nicht wieder gefunden. Prompt tauchte das alte Verdächtigungsmuster uns gegenüber wieder auf.

Man muss immer wieder an sich selbst arbeiten, damit man solche Sachen nicht ernst nimmt…

29. November 2012

Unsere Oma fängt an, mit ihrer Vergesslichkeit zu spielen und darüber zu witzeln. Heute haben wir ihren neuen kleinen Wäscheschrank aufgestellt, eingeräumt und dekoriert. Und plötzlich lachte sie darüber, dass sie morgen beim Aufwachen denken könnte im falschen Zimmer zu sein.

Zur Feier des Ereignisses hat sie ein kleines Glas Prosecco mit Aperol getrunken. Gestern hat sie eine ganze Tafel Schokolade weggefuttert. Wie sie selbst berichtete, warf sie das Schokoladenpapier heute auf dem Weihnachtsmarkt in eine Abfalltonne. Aber jetzt sei erst einmal Schluss mit Schokolade, meinte sie: “Da kann man sich schnell dran gewöhnen!”

30. November 2012

Gerade eben (11.50 Uhr) ist Oma zu ihrem allerersten Spaziergang ohne Begleitung aufgebrochen. Vorher hat sie Äpfel geschält und auf eigenen Vorschlag die Küche gefegt.

Als sie etwa eine Stunde unterwegs war, wurde ich etwas unruhig, und nach knapp zwei Stunden bin ich das erste Mal mit dem Rad losgefahren. Insgesamt war ich dreimal unterwegs, um sie aufzuspüren, aber erst ganz am Ende (da war sie knapp drei Stunden von zu Hause weg) habe ich sie in einer Nebenstraße nicht weit von unserem Haus getroffen.

Oma fragte mich erstaunt: “Was machst du denn hier? Hast du mich etwa gesucht?” Sie wirkte höchst vergnügt und entspannt. Sie habe sich alles Mögliche angesehen und sogar etwas zu Mittag gegessen.

Nicht zu glauben, das alles…

2. Dezember 2012

Mit unserer Nachbarschaft hatten wir das übliche Adventskaffeetrinken, dieses Mal in der “Kupferkanne”. Vorher waren wir zu einem Spaziergang auf dem Gut Valenbrook – und unsere Oma war die ganze Zeit über mit dabei, und zwar ohne irgendein Zeichen von Müdigkeit.

In einem Gespräch nannte Traute bei Demenzkranken eine vertraute Umgebung als Kernpunkt einer emotionalen Stabilisierung. Offensichtlich ist es möglich, eine solche vertraute Umgebung auch an einem anderen Ort als dem langjährigen Wohnort neu einzurichten.

Voraussetzung dafür dürften Anknüpfungspunkte aus früheren Zeiten sein. In unserem Fall ist das der Stadtteil Lehe, in dem unsere Oma in den 50er-Jahren gewohnt hat.

9. Dezember 2012

Heute haben wir als Vorbereitung auf unsere jährliche große Grünkohlwanderung ein Probeessen einschließlich einer kürzeren Wanderung im Regen in Altluneberg gemacht. Die Oma war die ganze Zeit mit dabei.

10. Dezember 2012

Die vergangene Nacht war wieder etwas unruhig. Die Oma klagte über starke Schmerzen in der Brust und im Bauch. Nach Schilderung der Symptome will der Hausarzt eine Einweisung ins Krankenhaus; medikamentös könne er nichts machen. Den Pflegedienst haben wir für heute abbestellt. Wir sind sehr unsicher, was zu tun ist.

Gegen Mittag fühlt sich die Oma etwas besser. Sie war auf der Toilette, so dass der Druck im Bauch nach ihren Angaben weg ist. Sie wirkt auch wieder ganz wach. –

Heute Vormittag war ich emotional mal wieder in Not. Solche Fragen wie “Oma ins Krankenhaus zur Untersuchung? Oder doch nicht?” machen mich beklommen, weil ich nur unzureichendes Wissen für eine gute Entscheidung habe.

Nein, die Beschreibung ist falsch: Der Arzt hat dieses Wissen auch nicht in ausreichendem Maße, aber er weiß zumindest mehr als ich und verfügt über mehr Erfahrungen auf diesem Feld. Sein Handeln nutze ich zu meiner Entlastung.

13. Dezember 2012

Der körperliche Gesamtzustand unserer Oma ist in den vergangenen Tagen wieder wackeliger geworden. Sie klagt insbesondere über Leibschmerzen , die allerdings nicht permanent, sondern phasenweise auftreten. Heute Morgen wollte Rita schon den Notarzt rufen, aber die Furcht vor dem Auslösen einer medizinischen Kettenreaktion brachte uns zum Abwarten. Das erweist sich bisher (8.15 Uhr) als richtig.

12.00 Uhr: Die Oma fühlt sich ganz schlecht. Sie liegt jetzt heftig atmend in ihrem Bett. Heute Morgen sagte sie zwischendurch zu Rita: “Das wird nichts mehr.” Es sieht ganz so aus, dass sie Recht behält.

12.50 Uhr: Gerade eben ist die Oma aufgestanden, hat sich ihre Hose selbst angezogen und die Zähne eingesetzt. Sie atmet zwischendurch unruhig, ist aber sonst munter.

Um 15.00Uhr war Mama beim Arzt. Er stellte einen völlig verstopften und trägen Darm fest. Eine Ursache seiner Meinung nach: Sie trinkt viel zu wenig. Nun sind wir gespannt, wie sich die Verstopfung löst.

Am späteren Nachmittag hat sich die Oma noch mal zum Schlafen auf ihr Sofa gelegt. Danach hat sie eine Zeitlang den Fernseher angemacht, sich ihr Nachthemd angezogen und so weiter, um dann ganz vergnügt schlafen zu gehen.

Unglaubliche Wechselbilder in unserem gemeinsamen Alltag innerhalb kürzester Zeit!

14. Dezember 2012

Gerade haben wir die Oma nun doch ins Krankenhaus gebracht – Verdacht auf Darmverstopfung und irgendeine Infektion. Als wir vor unserem Haus im Auto saßen, fragte sie mich: “Kann ich jetzt sterben?”

Sie ist ganz blass und schwach, aber sie ist alle Wege noch selbst gelaufen. –

Über die Aufnahmeprozedur ist die Oma mittlerweile auf der Intensivstation gelandet, obwohl der Hausarzt ursprünglich eine ambulante Entleerung des Darms zugesagt hatte. Aber für solche Sonderwege ist eine Krankenhaus-Apparatur nicht eingerichtet. Wer eingesogen ist, wird durch die standardisierten Wege und Mechanismen gequetscht.

Leider haben wir zuletzt angesichts ihres Zustandes keine Möglichkeit mehr gesehen,diesen erbärmlichen Gang der Dinge zu verhindern. Jammervoll!

Wenn wir ihr helfen könnten, würden wir alles Mögliche auf die Beine stellen. Aber wir sehen nichts als den Spruch “Da musst du jetzt durch!”

15. Dezember 2012

Unserer Oma geht es im Krankenhaus erstaunlich gut, sowohl körperlich als auch psychisch. Rita war heute zweimal bei ihr.

Welch eine Überraschung – wieder einmal!

20. Dezember 2012

Gerade eben (kurz nach 13 Uhr) ist unsere Oma aus dem Krankenhaus gekommen – ganz schwach auf den Beinen und reichlich wirr im Kopf. Den Flur unserer Wohnung hat sie nicht wieder erkannt, aber immerhin ihr Zimmer.

Eines ihrer Hörgeräte fehlte nach dem Krankenhausaufenthalt und konnte bisher nicht aufgespürt werden.

Das hat alles etwas Deprimierendes…

21. Dezember 2012

Die Oma hat die Nacht ganz ruhig durchgeschlafen und ist jetzt (9.20 Uhr) noch ganz entspannt im Bett. Sie hat mich gleich erkannt und wollte gerne noch ein bisschen liegen bleiben (“Das wäre ja schön…”).

Körperlich ist unsere Oma nach dem Krankenhausaufenthalt immer noch weitaus wackeliger auf den Beinen als vorher (sie läuft nicht mehr allein durch die Wohnung, stolpert häufig und hat große Mühe beim Erklimmen unserer kleinen Treppe vorm Haus).

Aber sie hat heute zweimal mit uns einen Spaziergang gemacht (jeweils etwa eine halbe Stunde), und sie hat guten Appetit (über das Eis heute nach dem Abendbrot hat sie sich richtig gefreut). Ihr Gehirn funktioniert weiterhin schlechter als vorher, auch wenn ihre Freude an Scherzen noch da ist, ebenso wie ihre fixe Reaktion auf irgendwelche Anspielungen.

23. Dezember 2012

Gerade eben (22.30 Uhr) stand unser kleiner Poltergeist im Nachthemd und ohne Zähne vorne im Wohnzimmer und blickte irritiert hin und her. Sie wollte einfach mal kucken, was noch so los ist, nachdem sie auf der Toilette war.

Ein rührendes Bild.

26. Dezember 2012

Unser Oma hat sich sehr gefreut, als ihre Enkelkinder heute nun endlich da waren. Sie war ganz gerührt, als sie die einzelnen in den Arm nehmen konnte. –

Vorgestern haben wir Heiligabend mit Oma im ganz kleinen Familienkreis (und noch ohne Enkelkinder) gefeiert – sehr angenehm und entspannt. Am ersten Weihnachtstag war alles ruhig, und am heutigen Vormittag habe ich mit Oma einen längeren Spaziergang gemacht (fast 45 Minuten).

3. Januar 2013

Mamas Orientierungslosigkeit zeigt sich an Fragen wie dieser: “Ist es zu Hause auch dunkel?” Was sie mit “zu Hause” meint, befindet sich abwechselnd im Zuhause ihrer Kindheit, in ihrer alten Wohnung oder auch bei uns.

5. Januar 2013

Heute morgen habe ich mich nicht viel um Mama gekümmert, weil Rita etwas mit ihr machen wollte. Aber das Wetter war zu schlecht für einen Spaziergang. Als ich nun gerade zu Mittag in die Küche kam und mit einem Spruch über das Wetter auf Mama zu ging, kuckte sie mich böse an, machte abwehrende Handbewegungen und sagte: “Lass mich! Geh weg”!”

Ich vermute, sie hat mich gar nicht erkannt und mich als etwas Fremdes und daher Bedrohliches einsortiert.

Rita sieht das anders und meint, es könnte auch einfach so gewesen sein, dass ich Mamas Traurigkeits-Attacke mit einem Munterkeits-Spruch in die Quere gekommen bin. –

Beim Essen sagte Mama zu Rita: “Ich will wieder nach Hause.” Auf Ritas Frage, wo das denn sei, zuckte sie nur mit den Schultern: “Das weiß ich doch auch nicht.”

Das sind wohl Elemente des Fremd-Seins in der Welt, das nur immer wieder punktuell aufgebrochen werden kann. Und leider bleiben diese Punkte dann nicht in ihrer Seele haften und verlieren sich schnell wieder im Meer des Vergessens.

7. Januar 2013

Etwas später am gestrigen Abend war mit Mama schon wieder alles im Lot. –

Überlebenswichtig scheinen für sie kleine überschaubare Aufgaben wie das Abwaschen. Das erledigt sie mit großer Sorgfalt und offensichtlich ebenso großem Vergnügen.-

Eine Mitarbeiterin des Pflegedienstes war heute nach mehr als drei Wochen Urlaub erstaunt über Mamas Zustand und ihren Appetit (ihr gedanklicher Bezugspunkt war die schlechte körperliche Verfassung kurz vor dem Krankenhaus-Aufenthalt).

8. Januar 2013

Heute war Frau L. das erste Mal bei Mama. Im Gespräch zog Mama ordentlich vom Leder, dass sie eigentlich noch alles allein könne usw. und dass sie von uns mit allerlei Forderungen wie Spazierengehen drangsaliert werde. Danach beim Abendessen war sie ganz betrübter Stimmung.

Solche unkalkulierbaren Stimmungsschwankungen stellen für uns eine Herausforderung dar.

9. Januar 2013

Gerade habe ich Mama Zitate von Rudi Assauer über seine Alzheimer-Erkrankung vorgelesen. Er spricht ihr offensichtlich aus der Seele. Wir haben dann lange über ihre Verzweiflung und Verunsicherung und die Ängste usw. gerdet – alles ganz klar und verständig.

Ich spreche ihr gegenüber übrigens meistens von ihrer “Vergesslichkeits-Krankheit”. Das scheint mir klarer zu sein als Begriffe wie Demenz. Nach dem Gespräch ist Mama ganz entspannt und gelassen und fast heiter.

Gestern Abend war sie richtig verzweifelt, weil ihr allerlei Ängste durch die Seele polterten…

10. Januar 2013

Schon beim Mittagessen hatten wir den Eindruck, als schwappte wieder etwas Mürrisches durch Mamas Seele. Als ich sie gerade eben (15.30 Uhr) wecken wollte, war sie nur Abwehr. Sie wolle keinen Kaffee trinken, nein, und auch keinen Spaziergang machen, und es brauche auch keiner mehr zu kommen.

Das zeigt: Nichts ist mehr von Dauer, nicht einmal wenn in Stunden gerechnet wird. Keine Stimmung, kein Wissen, kein Vertrauen, kein Ich-Bewusstsein, nichts. Wie damit bei größerer anderer Belastung in unserem Alltag umzugehen sein kann, muss sich zeigen. –

Räume, Gesichter, Dinge – alles kann Mama offensichtlich innerhalb kürzester Zeit fremd und feindlich werden. –

Jetzt (16.15 Uhr) ist Mama wach. Sie kann sich an die Situation nach dem vorherigen Aufwecken nicht erinnern. Sie ist ganz fassungslos, dass sie so etwas zu mir gesagt haben soll. – War es das Auftauchen aus einem (schlechten) Traum?

11. Januar 2013

Gestern Abend im Stadtpark stand Mama vor der Bronzefigur eines alten Mannes und fragte: “Der ist nicht echt, nicht?” –

Als ich sie heute aus dem Vormittagschlaf weckte, fragte ich sie, ob sie sich erinnern könne, was es heute zu Mittag geben soll. Mein Hinweis: Die runden Dinger, die in der Erde Wachsen. Kartoffeln, sagte sie. Und wie zubereitet? Nach kurzem Zögern: Kartoffeln einmal anders (eine Fertigsoße aus dem Glas). Mama zeigte sich begeistert: Was? Das hast du gemacht? Och, du bist ein Engel. Und sie streichelte meine Hände. –

Am Nachmittag mit Mama eine und eine dreiviertel Stunde spazieren gegangen.

12. Januar 2013

Schlagfertigkeit im Kleinen und Vergesslichkeit im Großen gehen bei Mama Hand in Hand. Gestern Abend sagte sie vor dem Zubettgehen: “Gehabt Euch wohl!” Heute wusste sie nicht mehr, ob sie ihrem Enkelkind ein Weihnachtsgeschenk gegeben hatte. Erst als wir ihr die Fotos zeigten, war sie überzeugt – und fasste sich an den Kopf.

13. Januar 2013

Mama ist heute wacklig auf den Beinen. Ihr ist kalt, und sie wollte keinen Spaziergang machen. Zu Mittag hat sie nur wenig gegessen. Neulich sagte sie mir, dass sie ihren Geburtstag noch erleben und dann sterben wolle. –

Minimale Anlässe für Mamas Verzweiflung: Sich  wacht nach dem Mittagsschlaf auf und sieht, dass sie unter drei Decken liegt. Was ist das? Das war doch noch nie so. Dann muss angeknüpft werden an etwas Bekanntes, in diesem Fall an das Mittagessen, was es gab, dass ihr kalt war und dass Rita sie zum Mittagsschlaf eingekuschelt hatte.

Diese Erklärung sorgt für Entspannung. Gleichwohl sagt sie: Oh, mein Kopf! Jedenfalls ist ihre momentane Verunsicherung verschwunden und sie hat wieder ein (wenn auch vages) Bild von sich un ihrer Situation in den Kopf bekommen. –

So richtig unbefangen und sorgenfrei lebe ich zur Zeit nicht. Aber das heißt nun bei weitem nicht, dass ich schlecht oder bedrückt lebe. Ich lebe gut, mit allem was zu einem Menschenleben zuzeiten dazu gehören kann… –

Mamas Form- und Stimmungswechsel während eines Tages sind (fast) unglaublich: Morgens nach dem Aufwachen das hilflose kleine Kind, das schlecht geträumt hat und nicht in die Wirklichkeit zurück findet. Schon beim Frühstück ist dann eine entspannte Mama zu entdecken, die sich zwar noch Gedanken über ihren Kopf macht, aber nicht daran verzweifelt. Nach dem Mittagsschlaf wieder eine verwirrte alte Frau, die kein Bild vom Ringsum zustande bringen kann und erst wieder ins Bild gesetzt werden muss. Und schon am Nachmittag wieder eine heiter und ausdauernd strickende Frau, die witzig und lachlustig ist. Am Abend ist sie geradezu fröhlich und kann sich über ihre eigenen Bemerkungen zum Sterbetermin in etwa zwei Wochen kaputt lachen.

15. Januar 2013

“Und der Bürgermeister denkt an die kleine Nelli” – mit dieser erstaunten Bemerkung freute sich unsere Oma, dass zu ihrem Geburtstag eine Gratulation des Oberbürgermeisters zu ihrem 90. Geburtstag einschließlich einer großen Blume ins Haus kam.

16. Januar 2013

Zur Zeit bin ich lose eingeflochten in ein Verpflichtungssystem, das sich um unsere Oma dreht. Richtig negativ kann ich das immer noch nicht finden, weil das alles so viele interessante, witzige und berührende Seiten hat. –

Mamas Verwirrtheit nimmt zu (genauer: Die Zeiten der täglichen Verwirrtheit werden länger), obwohl sie das oft durch entspannte Witzigkeit übertünchen kann.

17. Januar 2013

Spaziergang mit Mama gemacht – 40 Minuten! Heißen Apfelsaft in ihr Zimmer gebracht. Meine Bemerkung: Dann lies man noch ‘n büschen Zeitung, und wenn du was brauchst, ich bin im Wohnzimmer. Mamas Antwort: Und wenn du was willst, ich bin hier!

19. Januar 2013

Es erstaunt mich immer wieder, in welchem Ausmaß Mama über ihre mentale Situation nachdenken kann – ihre Vergesslichkeits-Krankheit, die Schwankungen im Bewusstsein, das Leiden an dieser Krankheit, die Unmöglichkeit noch allein zu leben usw.

Nach dem heutigen Abendbrot hat Mama eine ganze (allerdings nicht besonders große) Schachtel Pralinen aufgefuttert. Als Rita spaßeshalber fragte, ob sie eine Praline probieren könne, ging ein Spiel los: Mama habe nur zwei oder drei Pralinen gegessen, mehr wisse sie nicht usw.

Als Rita aus dem Zimmer gegangen war, meinte Mama zu mir, ich solle aber nichts sagen. Auf meine Bemerkung, Rita habe wohl doch etwas gemerkt, nickte Mama lächelnd.

20. Januar 2013

Seit langer Zeit einmal wieder ein Ausflug mit Mama zum Kaffeetrinken im “Waldwinkel” in Wehden. Schönes Wetter, leckerer Kuchen, ein entspanntes Dreier-Team!

21. Januar 2013

Unsere Oma hat mein und unser Leben umgekrempelt – insgesamt bisher nicht zu meinem besonderen Nachteil, würde ich sagen, obwohl es selbstverständlich Nachteile gibt.

Wie es weitergeht, ist offen, denn die Frage von Urlauben beispielsweise konnte bisher ohne größeren Schaden beiseite geschoben werden. Das kann aber nicht dauerhaft so bleiben.

Viel Positives hängt mit meinem Staunen darüber zusammen, welche Lebensfreude ein so kleines (und immer kleiner werdendes) Wesen wie die Oma entwickeln und anstoßen kann. Das Leben wird für uns bunter durch diese dritte Person; selbstverständlich wird es auch stärker festgelegt.

24. Januar 2013

In der vergangenen Nacht war Mama sehr unruhig und ist vier- oder fünfmal aufgestanden. In ihrem Kopf war offensichtlich alles durcheinander. Heute morgen fühlt sie sich ganz kaputt, nachdem sie sich alleine fertig gemacht und angezogen hatte. Essen wollte sie nichts. Ihr war nur kalt. Jetzt liegt sie eingemummelt auf dem Sofa; einmal musste sie sich übergeben. –

Als ich sie vorhin überzeugen wollte, sich nicht gleich wieder hinzulegen, weil sie doch gerade erst auf dringenden eigenen Wunsch aufgestanden war, wurde sie ungnädig und warf ihr Stück Brot auf den Teller. Ich könne abräumen, zischte sie mich an.

Offensichtliche fühlte sie sich nicht von mir verstanden. Oder sie wusste selbst nicht, was sie wollte, und benutzte mich als Blitzableiter. Wer weiß das alles… –

Und dann haben Oma und ich am Nachmittag einen Spaziergang gemacht bis zu unserer Einkaufsstraße, und sie schlug vor, wir könnten doch auch mal einkehren und einen Kaffee trinken. Das haben wir dann in einem Eiscafé gemacht und sind fast anderthalb Stunden später wieder zu Hause gewesen.

Ich staune wieder einmal über solche Wendungen innerhalb von Stunden oder manchmal sogar nur Minuten… –

Abends hat Mama sich alleine fürs Zubettgehen fertig gemacht. “Aber ich musste meinen Kopf ganz schön anstrengen”, sagte sie zu Rita.

25. Januar 2013

Heute morgen ist Mama wieder ganz wackelig auf den Beinen. Die Pflegerin hat einen sehr hohen Blutdruck gemessen. Mama hat sich gleich nach dem Frühstück zum Schlafen aufs Sofa gelegt. Dort liegt sie immer noch (12.30 Uhr). –

Noch eine Stunde später (12.30 Uhr) ist sie aufgestanden und zur Toilette gegangen. Und sie war so verwirrt, dass sie ihre Gedanken nicht mehr ausdrücken konnte und nur noch sinnlose Ketten von Silben stammelte. Wenn man sich vorstellen will, was ich meine: Es war vielleicht am ehesten mit einem defekten hakenden CD-Spieler vergleichbar.

Zwischendurch kamen einzelne richtig formulierte Gedanken. Sie merkte selbst, dass sie sich nicht mehr verständlich machen konnte.

Mama hat ein bisschen Milchreis gegessen und machte dann mit ihren zerbröckelnden Sätzen deutlich, dass sie sich wieder hinlegen wollte. Als ich einen Satz vollendete, stimmte sie zu.

Jetzt liegt sie wieder auf dem Sofa (13.15 Uhr).

Als ich nach einem anderthalbstündigen Spaziergang zurück komme, sitzt Oma auf ihrem Sessel und ist wieder klarer. Aber sie sucht wieder irgendetwas und fragt, wo ihr Geld neulich war, als sie es nicht finden konnte…

26. Januar 2013

Heute war Mama wieder munterer, obwohl sich der Lebensbogen doch weiter neigt. Am Vormittag war sie zwei Stunden mit Rita zum Einkaufen unterwegs.

Jetzt gegen Abend lamentiert Mama, dass sie sterben möchte, weil sie nur unser “Anhang” sei und so weiter.

Gegen Abend hat Mama noch einmal wieder lange weinend über den Tod ihrer Mutter und deren Grab gesprochen. Auch andere Geschichten aus zwei Orten in ihrer Heimat im (damaligen) Osten Deutschlands kamen zur Sprache.

Solche Erinnerungen wirken bei Mama wie eine Frischzellenkur für Hirn und Seele. Beim Abendessen ist sie wieder entspannt und witzig. –

Ein gewisses, gelegentlich stärker aufkeimendes Gefühl des Eingeklemmtseins kann ich mir nicht verhehlen. –

Gerade eben (22.20 Uhr) steht Mama im vorderen Wohnzimmer und jammert mit weinerlicher Stimme: “Ich kann nicht schlafen!” Oh, welche Wechselbäder! –

“Warum stehe ich denn immer auf?” fragt Mama. Das zeigt mir, wie sehr sie von irgendeinem “Anderen außerhalb ihres Ichs bedrängt wird.

27. Januar 2013

In der vergangenen Nacht hat Mama praktisch gar nicht geschlafen. Rita auch nicht, weil sie irgendwann mit ihrem Bettzeug zu Mama umgezogen ist. Auch heute morgen kann Mama nicht schlafen und ist nur wirr im Kopf, allerdings auch jetzt noch mit wachen Momenten. “Ohne Rita hätte ich die Nacht nicht durchgehalten”, sagt sie beispielsweise. –

Weiterhin furchtbare Unruhe. Aber Mama ist ansprechbar. Meine Beruhigungsversuche beendete sie mit den Worten: “Entschuldige bitte, aber ich versuche jetzt zu schlafen.” Davor sagte sie: “Du kannst dir nicht vorstellen, was da in meiner Brust alles los ist.” –

Zum Teetrinken waren wir gerade bei Mama im Zimmer. Sie ist ruhiger und durchaus schlagfertig, spricht aber ganz lallig.

Und immer wieder kommen die Phasen des sinnlosen Herumsuchens nach irgendetwas, des Nicht-Zurechtkommens, der Angst vor dem Verschwinden ihrer Sachen usw. –

Meine Unruhe, wenn ich mich irgendwo in der Wohnung aufhalte. Bei jedem Knacken oder Tappen sehe ich die Oma in ihrem weißen Nachthemd zur Tür herein irren… Da wächst eine kuriose Ausprägung der ohnehin in meiner Seele vorhandenen Bänglichkeiten…

28. Januar 2013

Seit heute morgen ist alles anders. Nun ist Oma ganz verrückt geworden, hätte man früher gesagt. Heute sagt man vielleicht: In ihrer Demenz hat es einen verhängnisvollen Schub gegeben. Sie geistert kreuz und quer durch die Wohnung, war sogar schon im Keller (über unsere enorm steile Treppe, so dass wir nun die Klinke der Wohnungstür entfernt haben!) und will immer nach draußen und nach Hause.

Sie erkennt uns nicht mehr. Rita war vorhin “die Frau”, und mich nannte sie “der Schnodder”. Dabei ist sie höchst vergnügt und schüttet sich vor Lachen aus, wenn etwas Witziges passiert (zum Beispiel dass unsere Küche genauso aussieht wie bei ihrer Tochter!).

Überall kuckt sie in die Räume und will in den Keller,um ihre eigenen Hausschuhe zu holen. Mehrfach sagte sie: “So, ich hau jetzt ab!” oder “Ich muss jetzt nach Hause.”

(Später habe ich dazu notiert: Das alles wirkte im Grundmuster wie das Verhalten einer rotzig-frechen 16-Jährigen auf dem Flüchtlingstreck, an dem Mama als junge Frau teilgenommen hat und auf dem sie für das Organisieren der Nahrung zuständig war.)

Dabei funktioniert das praktische und logische Denken durchaus noch. Bei der Suche nach dem Türschlüssel sage ich, es sei egal, welche Tür sie aufmacht, weil es es hinter allen Türen draußen kalt sei. Ihre Antwort: “Da haste recht.”

Oder: Oma macht in der Küche das Licht aus. Ich sage: “Nein, ohne Licht kann man nicht fegen.” Oma: “Stimmt.”

Die Pflegerin hat als eine Art Amtsperson Mama wieder in die Alltagsspur gebracht: Waschen, Anziehen, Frühstücken, alles ging ohne Probleme. –

Später erzählt Mama mir, sie habe einen Traum gehabt: Alle Türklinken in der Nachbarschaft waren abmontiert. Als ich ihr sage, dass das kein Traum war und dass sie immer im Nachthemd nach draußen wollte, schüttete sie sich aus vor Lachen und meinte: “Das ist doch nicht wahr, oder?!” –

Offensichtlich hat Mama später noch einmal über ihren morgendlichen Auftritt nachgedacht. Sie sprach dann von ihrem “Traum”, aber auch von einem Theaterspiel und erwähnte lachend, dass ich dabei so schön mitgespielt hätte. –

Unser Spaziergang vor dem Mittagessen durch unser Quartier verlief wie immer, als hätte es das morgendliche Verwirrspiel nicht gegeben. –

Belagerungszustand, dieses Gefühl des Eingeklemmtseins kriecht mir jetzt etwas häufiger in der Seele hoch, aktuell ganz besonders… –

Nach dem Abendessen saßen Rita und ich lange mit Mama bei Kerzenlicht am Kaminfeuer und sprach über ihre Wirrnis am Morgen. Kopfschüttelnd hörte sie unsere Schilderung ihres Verhaltens an, ganz ruhig und verständig, mit gelegentlichen Anmerkungen und Kommentaren.

Ein unglaubliches Gespräch, in dem wir auch unsere Nöte und Ratlosigkeiten wegen ihres Verhaltens zur Sprache gebracht haben.

29. Januar 2013

In der vergangenen Nacht ist Mama nur einmal aufgewacht (gegen 4.30 Uhr). Ich habe versucht, sie zurück ins Bett zu dirigieren, aber ich bin schwer abgeblitzt.

“Ich hole die Polizei”, drohte sie mir. “Geh raus hier!” Rita war dann glücklicherweise erfolgreich: Mama ging zurück ins Bett und blieb da auch (jetzt 8.00 Uhr).

Nur ich konnte wegen innerer Unruhe nur sehr mühsam noch mal kurz einschlafen. Ich leide mittlerweile schon unter leichtem Verfolgungswahn und höre ständig Mamas leise Schritte in der Wohnung….

30. Januar 2013

Mama ist heute so klar und entspannt wie schon lange nicht mehr. Solche Wendungen sind immer wieder etwas Wunderbares! –

“Du bist das, der immer mit mir spazieren geht?” fragte die Oma beim Mittagessen. “Ich dachte, hier wären zwei Jungs im Haus, die ganz gleich aussehen.” Und nach meiner Erklärung, dass es mich nur einmal gibt, meinte sie lachend: “Ich verdoppel sie hier alle.”

Und dann verwuselte sich wieder alles – das Zimmer und die andere Frau, die es gar nicht gab, und ihre Welt wurde wieder wirr…

31. Januar 2013

Mama sitzt in ihrem Zimmer und sagt: “Ich gehe jetzt in mein Zimmer.” Ich antworte, dass sie schon dort sei. Sie kuckt sich im Raum um. “Ach ja”, sagt sie. “Da ist ja mein Bett.”

Vorhin ging ich zu ihr, um einen Spaziergang vorzuschlagen. Mamas Reaktion: “Aber du bist doch nicht derselbe, der mich vorhin gefragt hat!” Ich erkläre ihr wieder einmal, dass ich wirklich nur einer bin. Sie mag es nicht glauben… –

Am Nachmittag war eine junge Frau namens Kristina das erste Mal bei Mama, und Rita und ich konnten flotten Schritts  einen Spaziergang durch unseren Stadtteil machen – ein völlig neues Stadtraum-Erlebnis nach den vielen sehr langsamen Rundgängen mit der Oma. Wir hatten sogar Zeit, um ein wenig in einem kleinen Café zu entspannen.

Abends witzelt Mama über ihre beiden (!) Schwiegersöhne und sprach ihre Vergesslichkeit und Verwirrtheit an. Da gibt es in ihrem Kopf in solchen “guten” Zeiten noch erstaunlich viel Nachdenklichkeit – auch über die “schlechten” Zeiten. –

Wenn andere Leute mit Mama umgehen, spürt man zuerst eine gewisse bängliche Abwehr. Es ist ganz ähnlich wie beim Umgang mit behinderten Menschen, bei denen man auch zu Anfang nicht ganz sicher ist, was sie können und was sie nicht können…

1. Februar 2013

In der vergangenen Nacht hat Mama ganz ruhig durchgeschlafen. Am Morgen ein Spaziergang. Nach dem Essen ein langer Mittagschlaf. Sie ist sehr ausgeglichen, aber auch sehr vergesslich (auf einem Foto hat sie nicht einmal ihr Urenkelkind erkannt und ihr Enkelkind mit dem Namen ihres Bruders belegt). –

Zuerst wollte Mama heute keine Äpfel schälen, weil sie offensichtlich keine Vorstellung im Kopf hatte, was da zu tun war. Ich habe ihr dann alles hingestellt. Sie fing an zu schälen, wurde von mir bestätigt, fragte nach dem Zerteilen (“ja, einmal senkrecht und dann noch einmal, damit es Viertel gibt”). Zwischendurch kuckte sie mehrmals in die Schüssel mit den geschälten und zerteilten, Äpfeln, um sich zu vergewissern, dass sie noch in der richtigen Spur ist.

Während des heutigen Tages hat Mama auch ihre Tochter Rita in zwei verschiedene Personen aufgeteilt, wie sie das bei mir macht – Rita und “die andere Frau”.

2. Februar 2013

Mama ist heute stärker verwirrt als an den vergangenen Tagen. Sie findet ihr Zimmer von der Küche aus nicht wieder, strickt an ihrem Schal auf ganz unsinnige Weise und verdoppelt Rita und mich wieder. Als ich ihr wieder unsere Einmaligkeit erkläre, fragt sie, wie das alles angehen könne mit dem Durcheinander in ihrem Kopf. Getrunken hat sie heute ausreichend, und beim Abendbrot hatte sie einen ganz erstaunlich guten Appetit.

3. Februar 2013

“Habt ihr das nicht vorher gewusst?” fragte mich ein Freund neulich am Stammtisch, nachdem ich von einigen nächtlichen Aufregungen und Abenteuern mit unserer Oma berichtet hatte.

Ich habe seinerzeit etwas umständlich reagiert und den zeitlichen Ablauf beim Entstehen unserer ungewöhnlichen Wohngemeinschaft geschildert.

Worum es aber im Kern geht, ist unserer Meinung nach etwas anderes: Es handelt sich um eine Entscheidung zwischen Pflichtveranstaltung und Herzensangelegenheit. Die Frage am Stammtisch war daher nach meinem Verständnis nichts als der Versuch, kühle Rationalität  (oder gar Kalkül) in eine menschliche Beziehungskiste zu injizieren, die etwas mehr Herzenswärme und Emotionalität verdient hat.

Ja, es ist eine Herzensangelegenheit, wenn auch gelegentlich ein schwierige. –

Nach dem Frühstück bin ich mit Mama spazieren gegangen (unendlich langsam). Danach ist sie auf ihrem Sessel eingeschlummert, ohne den heißen Apfelsaft zu trinken. Zum Mittagessen hat Rita sie aufgeweckt. Am Tisch in der Küche fragte Mama dann: “Und was soll das hier alles?”

In dem sich anschließenden Gespräch zeigte sich, dass sie nicht mehr im Kopf hatte, dass sie seit fast vier Monaten bei uns wohnt. Warum sie denn nicht zu Hause sei, fragte sie wieder mal und so weiter. “Und wo ist die Oma?” Die sei doch schon lange tot und so weiter.

Es ist bedrückend, in welch kurzer Zeit Mama aus einer einigermaßen eingependelten Gegenwart wieder in verwirrte vergangene Zeiten zurückstürzt… –

Nach dem Mittagschlaf ist das Durcheinander in ihrem Kopf geblieben. Mama glaubt nicht, dass nur wir drei hier wohnen und warnt: “Was ist, wenn die andern wiederkommen?” Sie fühlt sich offensichtlich von uns irgendwie reingelegt und wehrt sich dagegen mit Genörgel. –

Gerade eben kam Mama mit der kleinen Strickzeug-Tasche in der Hand ins Wohnzimmer und wollte nach Hause. Ich habe ihr noch einmal wieder ihre Geschichte der vergangenen vier Monate erzählt und möglichst viele Punkte erwähnt, an die sie sich wahrscheinlich am ehesten erinnert.

Sie hörte genau zu. Ihre Schlussfolgerung: “Na, dann kann ich also hier bleiben.”

Jetzt sitzt sie wieder in ihrem Zimmer und strickt; der heiße Apfelsaft steht wie immer auf dem Tisch.

Bald danach kam sie zu Rita, weil sie sich verstrickt hatte. Sie plagt sich jetzt bewusst mit Sachen, die sonst automatisch abliefen. “Worauf man alles achten muss”, lautete ihr Kommentar.

4. Februar 2013

Heute morgen ist Mama allein aufgestanden und fragte, wo denn die Frau vom Pflegedienst bleibe. Als ich ihr von der angekündigten Verspätung berichtete, meinte sie: “Ich mache mir schon meine Zähne.” Am Ende hatte sie sich allein angezogen, und ich habe beim Pflegedienst abgesagt, weil der Einsatz durch eine weitere Verspätung überflüssig geworden war. –

Beim Frühstück habe ich Mama wieder ausführlich über ihr Verhalten erzählt, wenn sie aus der Spur gerutscht ist. Sie hörte es mit Staunen, ebenso wie ihre Verdopplungs-Geschichten. “Ich hätte men Leben dafür gegeben, dass es immer zwei verschiedene Menschen sind”, sagte sie. “Wirklich!” (Ein Zitat von Kurt Schwitters habe ich mir hier ins Notizbuch geschrieben: “Der Herr von Doppelmoppel hat alle Dinge doppel.”) –

Gewöhnung hat viel Gutes. Sie sorgt unter anderem für das Kleiner-Werden von Ängsten vor dem, was passieren oder noch kommen kann. –

Nach dem Mittagschlaf erzählte Mama von einem (wirren) Traum, in dem es um Wärme im Winter (nein, nicht Heizen!), Bücher und irgendeinen Raum ging. Das alles hielt sie aber für wirklich geschehen und musst wieder mit Unterstützung (unter anderem durch Hinweise auf wirre Träume) in die Wirklichkeit zurückfinden. Wieder kam sie auf die andere Rita zu sprechen. Wieder habe ich ihr Ritas Einmaligkeit beschrieben, auch wenn sie Rita tatsächlich immer in verschiedenen Tätigkeit wie Kochen, Waschen, Bügeln, Lesen usw. erlebt. –

Rita hält meine ständigen Erläuterungen Mama gegenüber für falsch, weil Mama das sowieso immer wieder vergisst und weil es sie möglichweise nur unsicher macht. Ich behaupte das Gegenteil.  –

Alles bleibt ein Abenteuer. –

Rita berichtet, gegen Abend sei Mama wieder ganz traurig gewesen und habe geweint. Sie se doch überflüssig und wir sollten sie nach Hause bringen, damit sie sich da umbringen kann.

6. Februar 2013

Heute ist mein erster freier Vormittag – etwa zweieinhalb Stunden bis 11.45 Uhr. Bisschen unglückliche Zeit, weil zum Beispiel die Kunsthalle erst um 11.00 Uhr öffnet. Jetzt sitze ich im Caspar David und trinke einen Kakao. Das ist doch auch etwas!

Aber nach meinem Gefühl bringen solche Vormittagsbefreiungen nicht allzu viel für mich. Das ständige Zur-Uhr-Kucken ist auch nix. –

Mama ist heute ganz müde und sanft, sozusagen leise verwirrt. Schon am Vormittag hat sie lange geschlafen, und trotzdem legte sie sich nach dem Mittagessen gleich wieder aufs Sofa. Gegen Abend meldete sie beim Zeitunglesen wieder mal, dass sie darin keinen Sinn erkennen könne; sie verstünde nicht, was da steht.

Beim Abendessen fragte Mama einmal: “Darf ich diese Scheibe Brot nicht mehr essen?” Das alles wirkt wie der Übergang in eine ihrer Depressionsphasen, in denen immer alles nur grau und negativ ist. “Ihr kommt ja sowieso nicht gerne zu mir ins Zimmer”, stellte sie fest. “Nur wenn ich was machen soll.”

7. Februar 2013

Nach dem dreistündigen (!) Mittagschlaf fragte Mama, wo denn ihre Eltern seien und was es mit der Alten Kirche auf sich habe (sie wollte wissen: “Und wo ist die Neue Kirche?”) (Wir haben dann anschließend einen Spaziergang zur Alten Kirche gemacht).

Beim Abendessen kam Mama unsere Küche ganz fremd vor; nur die Leiste mit den Bildern von ihrem Urenkelkind war ihr vertraut. Sie blickte sich mehrmals irritiert im Raum um. Jetzt schläft sie (kurz vor 23 Uhr). Ich heute zweimal mit Mama spazieren gegangen (insgesamt fast zwei Stunden).

Morgen fährt Rita mit ihrer Frauengruppe für das Wochenende nach Cuxhaven. Das liegt mir etwas quer in der Seele.

8. Februar 2013

Rita ist mit ihren Frauen nach Cuxhaven gefahren. Ich hatte mich mit meinem Stammtisch zu einer Weinprobe verabredet. Folglich musste Frau M. (kennt Mama) aushelfen und Mama betreuen. Um 22.20 Uhr war ich (vorzeitig) von der Weinprobe zurück. Alles ruhig in der Wohnung.

Vorher war Mama aufgeregt wie ein Kind, weil sie sich an Frau M. nicht mehr erinnern konnte und vollständig auf Abwehr und Krawall gepolt war. Ich vermute, dass alles glatt gelaufen ist. –

Mama wird niemals ermessen können, welchen Aufwand wir betreiben müssen, um sie bei uns zu haben. Das muss man auch aushalten können.

9. Februar 2013

In der vergangenen Nacht war Mama zweimal in der Wohnung unterwegs: “Ich muss Pipi. Wo muss ich hin?” Wie üblich, bin ich danach jedesmal schlecht wieder eingeschlafen. –

Während ich heute morgen nach dem Pflegedienst Ausschau hielt, tauchte Mama auf dem Flur auf und war zu meiner Überraschung bereits vollständig angezogen. Sie habe gedacht, heute käme keine Hilfe.

Beim Frühstück berichtete sie, dass ihr der Abend mit Frau M. noch besser gefallen habe als das mal zuvor. Mama wirkte ganz entspannt und klar im Kopf. –

Kurzer Spaziergang. Mama hat Kartoffeln geschält für”Kartoffeln einmal anders”. Mittagschlaf. Bevor meine Schlaf-Stunde vorbei war, stand Mama mit ihren Hörgeräten und pfiff, um mich wach zu machen. Gespräch über das Einsetzen von Hörgeräten mit praktischen Übungen.

Beim Kaffeetrinken stellte Mama fest, dass sie beim Stricken des Schals nicht rechtzeitig aufgehört und sozusagen um die Ecke herum an der Längsseite weiter gestrickt hatte. Die Nachbarin wurde gerufen, um Omas Strick-Projekt wieder in die richtige Spur zu bringen. Danach hat sie ein Stück vom Schal wieder aufgerebbelt, weil ihr der Rand zu ausgeleiert aussah. Sie strickt nun bestimmt seit zwei Stunden.

Beim Abendbrot löste sich Mamas Gebiss unten und lag dann eine Zeitlang neben dem Brot auf ihrem Teller. –

Am Abend war das erste Mal ein männlicher Pfleger bei der Oma – ein großer tapsiger Bär. Auch ihn fand sie sehr nett.

10. Februar 2013

“Mit so einem vergesslichen Menschen wie mir ist nix mehr los”, sagte die Oma heute beim Frühstück. Sie wirkt körperlich wieder matt und will auch nicht spazieren gehen (es sei draußen zu kalt).

Jetzt (10.30 Uhr) liegt sie auf dem Sofa und schläft. Nach dem Frühstück habe ich mit ihr noch einmal wieder einen Orientierungsrundgang durch die Wohnung gemacht, weil sie von der Anordnung der Räume keine Vorstellung hatte.

Als ich gerade eben (11.45 Uhr) nachsah, wurde die Oma wach und klagte über kalte Füße. Das hing wohl auch damit zusammen, dass nicht unter der Decke lag, sondern oben drauf. Ihre Erklärung: “Ich bin nicht ganz bei Groschen.”

Ihre Verwirrung ist wieder deutlich. Wenn das tatsächlich ihr Teppich sei, dann werde sie ihrem Mann sagen, dass er ihn abholen solle. Kurz vorher hatte sie mit Blick auf diesen Teppich gefragt, was das denn für ein buntes Ding sei.

Gerade eben suchte sie wieder wirr hinter Sessel und Sofa herum. Als ich sie fragte, was sie denn da suche, wurde ich knapp abgefertigt: “Den gestrigen Tag.” –

Gegen Abend ist unsere Oma ganz kleinmütig und bänglich und unsicher. Wir sollten ihr sagen, wenn sie etwas falsch mache. Als ich ihr eine gute Nacht wünscht, antwortete sie: “Mit eurer Hilfe!”

11. Februar 2013

Wenn ich später einmal diese Notizen zur Problematik der Demenz zusammenschreibe, dann könnte die Überschrift lauten “Unsere verrückte Oma”. –

Heute nach dem Kaffeetrinken beschwerte sich die Oma, dass sie viel zu wenig Zeit zum Schlafen habe und dass sie ständig herumgeschubst werde (zum Beispiel durch Aufgaben wie Äpfel schälen und so weiter). Solche Renitenz-Anfälle gibt es bei ihr häufiger mal.

12. Februar 2013

Seit heute Morgen hat Mama wie verrückt nach einer Batterie gesucht, die ihr gestern Abend offensichtlich aus einem der Hörgeräte herausgefallen ist. Nur sehr mühsam habe ich sie aus diesem (im wahrsten Sinne des Wortes) “Such-Wahn” wieder heraus bugsieren können. “Du weißt gar nicht, was in meinem Kopf alles los ist”, sagte sie zwischendurch.

Was ich ihr gegenüber ständig wiederhole, ist der Gedanke “Egal – lass essausen!”

13. Februar 2013

In der vergangenen Nacht hat Mama sehr schlecht geschlafen und war mehrfach in der Wohnung unterwegs. Einmal hat sie gerufen – interessanterweise meinen Namen. Ich scheine mich als einer ihrer emotionalen Rettungsanker etabliert zu haben! –

Mama versuchte zu erklären, dass ihr Herumlaufen in der Wohnung nicht mit ihrem Willen geschehe, sondern dass es ihr sozusagen über den Hals komme. “Also wie in Fieberträumen”, versuchte ich ihr Gefühl zu beschreiben, und sie stimmte zu. –

Auch wenn Mama am Vormittag klarer wirkt, bleibt ihre grundlegende Verwirrtheit: Gerade eben hörte ich zufällig das Klappen der Wohnungstür. Als ich nachsah, war die Oma auf der Treppe schon halb nach oben zu unseren Mitern gegangen. Auf meinen Hinweis, da oben sei nicht mehr unsere Wohnung, drehte sie gleich um: “Man gut, dass du mir das noch gesagt hast!” –

Es sind Wahnwelten, in die Mama gelegentlich hinüber treibt, und aus denen sie bisher immer wieder zurückgekehrt ist… –

Beim Kaffeetrinken habe ich Mama auf die Tagespflege vorbereitet und von Ausflügen wie früher den “Fahrten ins Blaue” gesprochen. Begründet habe ich das mit späteren Urlaubszeiten und etwas mehr Zeit für uns.

Während dieses Gesprächs fragte mich Mama nach “dem Haus da hinten”, womit sie offensichtlich ihr früheres Wohnhaus meinte. Aber sie konnte sich nicht erinnern, dass sie dort lange Zeit allein gewohnt hat. “Das können wir doch verkaufen”, stellte sie ganz sachlich fest. “Das kostet doch nur Geld.”

Als ich aus ihrem Zimmer ging und sie ermunterte, Zeitung zu lesen oder ein wenig zu stricken, sagte sie: “Vielleicht setze ich mich auch aufs Fahrrad und fahre ‘n bisschen rum.” –

Mama beschäftigt sich zwischendurch bewusst mit ihrer Krankheit. “Wird das nie mehr besser mit meinem Kopf?” fragte sie. “Bleibt das so, bis ich sterbe?”

Sie beobachtet sich selbst, wie sie innerhalb von Minuten etwas vergisst: “Ich habe etwas auf die Heizung gelegt. Aber wo? Und was?” –

Immer wieder stelle ich fest: Als ich meine erste Zeit als Frisch-Pensionierter hier in unserem Haus verbrachte, habe ich nicht so viel gelacht wie jetzt mit unserer Oma.

14. Februar 2013

Mama hat gut durchgeschlafen und sieht erholt aus. Ihr Verhalten zeigt so etwas wie relative Klarheit bei allgemeiner Orientierungsschwäche. –

“Dass mir immer einer die Namen sagt, wenn Besuch kommt, das ist unheimlich schön”, meinte sie gerade nach dem Frühstück, als wir über ihre Vergesslichkeitskrankheit sprachen. Und sie stimmte mir ausdrücklich zu, als ich ihr als Lebensmotto vorschlug “Machen wir das Beste draus!” –

Nachmittags Spaziergang von mehr als anderthalb Stunden, auf ihren Wunsch durch die Lutherstraße. Sie erinnerte sich an die Buchausleihe der Familie Sperber und an die Kaffeerösterei, deren Duft sie noch in der Nase hatte. Sie hat erzählt und gefragt und gekuckt wienie in den vergangenen Tagen. Sie war richtig aufgekratzt.

15. Februar 2013

Heute Morgen war die Oma etwas stickelhaarig. Sie stand im Badezimmer, zeigte auf die Uhr (8.20 Uhr) und sagte: “8.30 Uhr! Was ist denn nun? Kommt der Pflegedienst oder nicht?”

Ich erläuterte ihr die tatsächliche Lage, aber sie blieb ärgerlich: Die Uhr könne sie nicht richtig sehen, der Lichtschalter an ihrem Bett sei nur mit Gefummel zu bedienen und so weiter. Ihre Schlussfolgerung: “Ich hau noch ab!” –

Jetzt ist der Pflegedienst da, nur wenige Minuten, nachdem ich Mama noch einmal wieder ins Bett bugsiert hatte.

16. Februar 2013

In der vergangenen Nacht war Mama furchtbar unruhig. Sie ist mehrmals aufgestanden und in der Wohnung herum gewandert. Einmal stand sie laut jammernd in der Küche und beklagte ihr Schicksal, ganz allein zu sein, obwohl sie schon bis zur Stresemannstraße gelaufen sei.

Sie war offensichtlich (wieder einmal) aus einem Traum hochgeschreckt.

Über Mittag waren Rita und ich bei der Grünkohlwanderung unserer Nachbarschaft, während Kristina bei der Oma aufpasste. Das lief erkennbar gut.

Abends haben wir Mama von ihren Traum-Auftritten erzählt. Sie schüttelte den Kopf und lachte über ihre nächtlichen Eskapaden. Sie war wieder ganz entspannt und heiter.

17. Februar 2013

Am heutigen Morgen waren Rita und ich zum Frühstück bei Freunden eingeladen. Leider kam Kristina nicht wie verabredet, so dass wir holterdipolter nach einem Ausweg für die Betreuung unserer Oma suchen mussten (unsere Nachbarin hat zweimal nach ihr gesehen).

Für die Oma war diese Verwirrung schlecht. Sie hat zwar nach unserer Rückkehr einen Mittagschlaf gemacht, aber sie war deprimiert. Ohne Kristinas Saumseligkeit wäre es mit Sicherheit besser abgelaufen, weil die Oma sich sicher gefühlt hätte.

So litt sie, weil sie sich nicht einmal erinnern konnte, wo wir abgeblieben waren und ob sie sich um irgendetwas kümmern sollte. –

Wenn ich mir ein Gesamtbild vorstelle, so lebt Mama in einem immer kleiner und unsicherer werdenden Gedankenraum und hat sich gleichwohl eine gewisse situative Pfiffigkeit bewahrt.

Wenn ich ehrlich bin, stelle ich fest: Mir geht es nicht anders.

18. Februar 2013

Unsere Oma hat sich gerade zum ersten Mal auf den Weg gemacht zu einer “Tagespflege”, zum Ausprobieren erst einmal gemeinsam mit Rita. “Mal sehen, was die zu bieten haben”, meinte die Oma keck, aber man spürt, dass sie aufgeregt ist.

Und auch ich bin etwas aufgeregt – wie damals beim ersten Gang des eigenen Kindes in den Kindergarten beispielsweise… –

Rita kommt gerade vom Hautarzt zurück mit der Botschaft, dass es sich bei der vor einer Woche aus dem Oberschenkel herausoperierten Stelle um ein Melanom handelt. Am kommenden Dienstag muss sie für mindestens drei Tage in die Hautklinik. Oh, oh… –

Nachdem die Oma bei der Ankunft in der Tagespflege noch voll auf Abwehr machte (“Hier werde ich nicht alt!” und “Meine Tochter will mich abschieben.”), zeigte sie sich nach der Rückkehr geradezu begeistert über den “schönen Tag”. Sie aufgekratzt und wach und sah gut erholt aus.

Irgendeinen Mann (Betreuer oder Gast) habe sie beobachtet, erzählte sie und meinte: “Der sah richtig schnuckelig aus!” Sie hat Spiele mitgemacht, auf einem schönen Sessel mittags geruht, gut gegessen, viel geschnackt usw. Welch eine positive Überraschung!

19. Februar 2013

“Man grübelt lange nach einem Namen, und mit einem Mal ist er da”, sagt die Oma zu mir und fügt hinzu: “Aber genauso schnell ist er auch wieder weg.” –

Die Tage mit Oma sind in ihrer Dynamik stets Unikate. Schlechter oder guter Start – das wird im Laufe des Tages ebenso vergessen und auf den Kopf gestellt wie Kleinigkeiten zwischendurch. So ist auch ihre anfängliche Begeisterung für die Tagespflege mittlerweile verblasst, so dass sie es nun als großen Nachteil betrachtet, an den Tagespflege-Tagen früher aufstehen zu müssen.

Als sie heute kurz vor dem Abendessen mürrisch auf ihrem Sessel saß und ich nachfragt, meinte sie: “Irgendjemand möchte nicht, dass ich hier wohne.” Und auf meine Frage, wer das sei, antwortete sie: “Deine Mutter.”

20. Februar 2013

Unsere Oma hat immer wieder Anfälle von Miesepetrigkeit. Sie vergisst, wo die Papiertaschentücher liegen und verdächtigt andere des Mitgehenlassens. Ich biete ihr an, sie könne alte Taschentücher einfach auf die Spüle legen, um sie los zu sein. Sie antwortet, dass sie die alten Taschentücher auch “nach Hause” bringen könne, wenn es hier zu viel sei und so weiter. –

Mauligkeit ist etwas Unangenehmes, auch wenn man sie erklären kann… Eben gerade saß die Oma da, sagte kein Wort, hielt sich die Zeitung vors Gesicht und kuckte mich nicht einmal an, während ich ihr etwas sagte. –

Zur Zeit leidet sie wieder besonders heftig unter ihrer Vergesslichkeit: “Ich wäre doch auch gern ein anderer Mensch so wie früher. Aber ich bin es nicht!” Sie spricht über ihre Ängste, auf “fremde Leute” zu treffen und nicht zu wissen, was sie sagen soll. Sie wisse doch nichts und verliere dauernd den Faden usw. Wir könnten uns nicht vorstellen, wie es ist gar nichts mehr zu wissen. –

Nach einem langen Gespräch mit Bestätigungen und Relativierungen und Berichten meinerseits über das Geschehen der vergangenen Tage ist die Oma wieder etwas ruhiger. Sie trinkt ihre Milch und isst die Praline und den Keks… –

Man sollte dementen Menschen immer wieder aus ihrem Leben erzählen, sowohl von ganz früher als aus der unmittelbaren Vergangenheit (zum Beispiel vom heutigen Vormittag) – das sagt meine Erfahrung. –

Im Hauptberuf bin ich zur Zeit eindeutig Altenpfleger, der nebenbei einigen intellektuellen Vergnügungen frönen kann – Zeitungen und Bücher lesen, Glossen schreiben, Wein trinken, nachdenken. Und trotzdem: Kein Leiden. Ich bin lebendig, und das ist gut so.

21. Februar 2013

Die Oma ist gerade zur Tagespflege abgeholt worden. Ich glaube, ich war aufgeregter als sie. Aber es hat alles gut geklappt (sehr freundlicher Fahrer). Kleine Aufregung: Eigentlich sollte der Fahrer gegen 8.15 Uhr kommen. Als es etwa eine Viertelstunde vorher klingelte, sprang ich auf und flitzte zur Tür. Es war eine Freundin, die den Schlüssel vergessen hatte. Und auch die Pflegerin hatte vorher für Unruhe gesorgt, wiel sie bereits um 7.10 Uhr vor der Tür stand (verabredet war 7.30 Uhr).

Aber wie gesagt: Schließlich klappte alles gut. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Gerade eben (am Nachmittag) kam eine wieder begeisterte Oma von der Tagespflege zurück. Nach ihren Angaben hatte sie nicht einmal Zeit für einen Mittagschlaf. –

Vorher über Mittag hatten Rita und ich erstmals seit langer Zeit einen Spaziergang gemacht und auswärts gegessen. Sehr schön!” –

Wer sich auf unbekannte Situationen einfach so einlassen kann, hat offensichtlich die Fähigkeit, interessante Erfahrungen zu machen… –

Vielleicht später als Titel für meine Notizen: “Unsere verrückte Oma – Ein Demenz-Tagebuch”. –

Mein Leben hat auf überraschende (und nicht ganz freiwillige) Art einen neuen Mittelpunkt bekommen, und der heißt Oma. Mein Leben – das ist vielleicht zuviel gesagt; mein Alltag hat einen neuen Mittelpunkt bekommen.

22. Februar 2013

Unser Oma beschäftigt sich mit ihrer Vergesslichkeit. Heute zeigte sie auf einen Artikel in der Zeitung und sagte: “Demenz – das ist meine Krankheit, nicht?” –

Sie schläft wieder viel in der letzten Zeit und wirkt schwächlich und schwindelig. –

Ich habe das erste Mal seit langer Zeit wieder Probleme mit meinem Rücken. Ich vermute, da verschafft sich der seelische Druck doch ein wenig Entlastung. Zu diesem Druck gehört zum Beispiel auch, dass ich ständig der Meinung bin, Omas Fußtritte zu hören. Ich habe auch seit längerer Zeit keine Musik mehr angemacht, weil ich fürchte, Oma nicht bemerken zu können. –

Rita ist mit ihren Freundinnen über das Wochenende nach Cuxhaven gefahren. Die Oma schläft jetzt, nach dem ich doch noch den Pflegedienst anrufen musste, um sie fürs Bett fertig zu machen. Und ich sitze am Feuer, umzingelt von Kerzen, und memoriere. Was fehlt mir da (außer meiner Frau) zu meinem Glück? Wie bewahrt sich ein Mensch eine solche Stimmung in seiner Seele? Ich befürchte: Gar nicht. Da hilft nicht einmal das Aufschreiben. –

Ob Rita schon irgendwo anders im Leib Krebs hat, das ist alles längst entschieden und gewachsen. Jetzt geht es nur noch um die Aufdeckung. Die Hoffnung zielt auf die Feststellung “Kein Befund”. Aber mit etwas Anderem werden wir auch leben und sterben müssen.

23. Februar 2013

Alle Warterei und alle Lückenfüllerei beim Warten nervt mich. Kommt der Pflegedienst rechtzeitig? Muss ich anrufen, wenn er sich verspätet? (Gestern Abend wäre er ohnen meinen Anruf gar nicht gekommen, weil wir angeblich nicht auf dem Plan standen.) Wie lange frühstückt die Oma noch? Wann frage ich sie, ob sei eine heiße Milch möchte oder Lust zum Spazierengehen hat?

Wann wacht die Oma auf, damit ich sie fragen kann? Wie organisiere ich den Tag, damit sie weder überfordert noch gelangweilt wird? Und das Warten, beispielsweise bis das Wasser für die Wärmflasche heiß genug ist… –

Ich müsste so vieles aufschreiben.

Heute Nachmittag wollte ich die Oma zum Spazierengehen überreden, aber es war ihr zu kalt. “Ich habe zum lieben Gott gesagt, ‘Ich gehe nicht raus’ und er hat geantwortet ‘Bleib du man drin’.” Dann kuckte sie mich an und lachte aus vollem Herzen. –

Manchmal schafft sie es, sich ganz entspannt in ihrer Vergesslichkeit einzurichten. “Wie heißt du noch mal? Helmut?” fragte sie mich heute, als sie mir auf dem Flur entgegen kam. –

Um 22 Uhr saß die Oma im Badezimmer auf dem Stuhl, als ich eher zufällig vorbei kam (allerdings meinte ich Geräusche gehört zu haben). Sie klagte über zu wenig Luft und fragte, ob ich bei ihr bleiben könne.

Ich habe ihr einen halben Becher mit warmer Milch gemacht und mich bei ihr ans Bett gesetzt.

Jetzt (22.40 Uhr) versucht sie zu schlafen. Ob nicht einfach jemand ihr Atmen abstellen könne, frage sie vorhin und antwortete sich selbst: “Aber das kann wohl nicht mal der Arzt.”

24. Februar 2013

In der Nacht war ich noch zweimal bei ihr, und sie klagte weiter. Heiße Milch, die Wärmflasche und meine Anwesenheit waren meine einzigen Gegenmittel. –

Gegen 2 Uhr war ich zuletzt bei ihr. Danach hat sie offensichtlich geschlafen, denn heute Morgen ist sie ganz klar und ausgeglichen. Ich selbst habe sehr unruhig geschlafen, zumal es draußen heftig gestkürmt hat und ich ständig meinte, Omas Schritte zu hören. –

Heute ist die Oma trotz der gestrigen Probleme erstaunlich guter Dinge. Ich konnte sie sogar zu einem Spaziergang überreden (eine halbe Stunde, am Ende klagte sie über schmerzende Nieren).

Nach dem Spaziergang hat Mama das erste Mal seit langer Zeit wieder den Fernseher eingeschaltet, nachdem sie schon beim Kaffeetrinken überraschend über das Fernsehen gesprochen hatte.

25. Februar 2013

Heute Morgen um 6 Uhr stand die Oma fertig angezogen in der Küche, und der Pflegedienst konnte abbestellt werden. Glücklicherweise legte sich ihre Verwirrtheit und sie grantelte auf witzige Weise herum. Zu Rita sagte sie einmal “Ziege!” und ergänzte: “Zu seiner Tochter darf man das sagen.”

Als ich ihr gegenüber erwähnte, dass heute die gelben Säcke abgeholt werden, fragte sie biestig: “Und was habe ich damit zu tun?” Als sie dann zur Tagespflege abgeholt wurde (vorher hatte ich ihr noch einmal von ihrer Begeisterung nach den letzten Besuchen bei der Tagespflege erzählt), war sie wieder ganz vergnügt.

Im Weser-Kurier von heute las ich ein Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach: “Dass alles vergeht, weiß man schon in der Jugend; aber wie schnell alles vergeht, erfährt man erst im Alter.” Wohl wahr. –

Gegen Abend wurde die Oma ganz mürrisch und abweisend. Sie wollt nicht zum Abendessen kommen und warf mich aus ihrem Zimmer, als ich noch einmal nachfragte (“Geh jetzt raus!”). Unserer Nachbarin erging es bei einem Besuch im Zimmer ebenso.

Oh, dieses heftig emotionale Auf und Ab, das von außen nicht zu beeinflussen ist! Mich macht eine solche Situation sehr unruhig, insbesondere beim Blick auf die kommenden Tage, wenn Rita ins Krankenhaus muss. –

Rita hat bestimme eine Stunde mit der Oma gesprochen bevor der Durchbruch gelang. Es wurde deutlich, dass sich auf diese Weise immer ihre Verzweiflung über die eigene Verwirrtheit Bahn bricht. Dieses Leiden löst ihre schroffen Zurückweisungen uns gegenüber aus. –

Heiterkeit im Hier und Jetzt, lautet für uns die Parole. Es geht nicht um das Verdrängen, sondern um das ständige Relativieren.

26. Februar 2013

Gerade eben habe ich Rita ins Krankenhaus gefahren (Hautklinik). Wenn das Wünschen etwas helfen würde, wüsste ich, wie die Sache ausgeht. –

Nach einer ersten Untersuchung meldete Rita vorhin leichte Entspannung: In 90 Prozent derartiger Fälle reicht das Nachschneiden, ohne dass es Weiterungen gibt. –

Und immer fühle ich diese leise Bänglichkeit, dass die Oma aus ihren nächtlichen Träumen in verrutschter Gestalt in meiner Wirklichkeit auftaucht und mich in Unruhe versetzt…

3. März  2013

Am vergangenen Freitag habe ich Rita wohlbehalten aus dem Krankenhaus zurück geholt. Offensichtlich sind wir wieder einmal glücklich davon gekommen…

9. März  2013

Aus einer Theaterkritik: Der Mann hält seiner Frau ihre Unlust vor. Ihre Antwort: “Frigide? Ich? Na, da frag mal den Postboten!” Solche Pointen gefallen mir.

13. März  2013

Heute ist der Riesenberg Sperrmüll vor dem früheren Haus von Oma abgeholt worden. Wir hatten alles gestern aus dem Haus geschleppt – Sofas, Sessel, Schrankteile, Lampen, Bilder, Stühle und so weiter.

Ein Trauerspiel, das ich immer verdrängen muss.

19. März  2013

Am Vormittag war die Oma bei ihrem Hausarzt in der Praxis. Sie ist allerdings beim EKG auf der Liege eingeschlafen. Am Nachmittag war sie zum Frisieren in ihrem Friseursalon.

20. März  2013

Frühlingsanfang bei eisigen Temperaturen, und die Oma liegt im Sterben – wenigstens wenn der Arzt dieses Mal Recht behält.

Heute Vormittag konnte sie noch allein zur Toilette gehen. Am Nachmittag mussten wir sie zu zweit dorthin mehr oder weniger ziehen. Aber das Herz schlägt noch weiter… –

19 Uhr: Die Oma hat ein halbes Stück Schokolade und ein paar Löffel Joghurt gegessen und einen Schluck warme Milch getrunken. Sie spricht mit uns und versteht uns.

20.10 Uhr: Die Oma fühlt sich etwas besser. Sie war wieder auf der Toilette (es ging besser als am Nachmittag). –

Wie grausam und quälend der Verlust des Gedächtnisses (und dadurch des Ich-Bewusstseins) ist, hat mir Omas Schicksal in aller bedrückenden Klarheit vor Augen gestellt. Das macht mir Angst.

Und diese Angst, die sie durchlebt hat, liegt jetzt hinter ihr. Zumindest das hat sie überstanden. –

22.15 Uhr: Omas Körper ist immer noch voller Energie, und in ihrer Seele ramentert es unüberhörbar. Rita schläft auf einer Matratze in Omas Zimmer.

Was hat die Oma immer noch für eine innere Kraft Wie oft hat sie uns gefragt: Bin ich schon tot oder lebe ich noch? –

Morgen früh soll unser neues Enkelkind auf die Welt kommen.

21. März  2013

Anruf aus dem Süden: Die kleine Mila ist gut auf die Welt gekommen, und auch die Mutter ist wohlauf. Wunderbar! Gleichzeitig liegt unsere Oma weiterhin voller Unruhe in ihrem Sterbebett. –

In der Mittagspause sitze ich in Omas Zimmer und bewache ihren Schlaf. Sie schiebt häufig die Decke beiseite. Sie atmet immer wieder phasenweise sehr heftig und stöhnt und schreit sogar manchmal. Nur für Augenblicke liegt sie ganz ruhig. –

Heute Abend wurde der Oma das erste Mal ein Schlafmittel gespritzt. Seitdem schläft sie ganz ruhig. –

22. März  2013

Die Oma ist tot. Wir haben längst Abschied genommen. –

Beim Nachdenken wird mir klar, dass mir ein Alltag mit unserer Oma als dem Mittelpunkt verloren gegangen ist. Noch einmal wieder eine Chance zu einer Neuorientierung.

10. April  2013

Das gute halbe Jahr mit der Oma in unserer Wohnung liegt wie eine unwirklich gewordene Erfahrung in unserer Erinnerung.

Die räumliche Situation ist fast wieder wie vorher. Nur Omas Zimmer ist immer noch in unserem Schlafzimmer eingerichtet.

Ich sitze wieder unangefochten auf meinem roten Sessel vor dem Kamin – auf einem Platz also, der sofort geräumt wurde, wenn die Oma das Zimmer betrat.

Für uns hat ein veränderter Alltag begonnen…

 

Durch einen >>>Klick an dieser Stelle geht es zum Anfang des Gesamttextes des Demenz-Tagebuchs.

 

Advertisements

One thought on “Der Gesamttext des Demenz-Tagebuchs…

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s