Die neuesten Eintragungen…

18. Februar 2013

Unsere Oma hat sich gerade zum ersten Mal auf den Weg gemacht zu einer “Tagespflege”, zum Ausprobieren erst einmal gemeinsam mit Rita. “Mal sehen, was die zu bieten haben”, meinte die Oma keck, aber man spürt, dass sie aufgeregt ist.

Und auch ich bin etwas aufgeregt – wie damals beim ersten Gang des eigenen Kindes in den Kindergarten beispielsweise… –

Rita kommt gerade vom Hautarzt zurück mit der Botschaft, dass es sich bei der vor einer Woche aus dem Oberschenkel herausoperierten Stelle um ein Melanom handelt. Am kommenden Dienstag muss sie für mindestens drei Tage in die Hautklinik. Oh, oh… –

Nachdem die Oma bei der Ankunft in der Tagespflege noch voll auf Abwehr machte (“Hier werde ich nicht alt!” und “Meine Tochter will mich abschieben.”), zeigte sie sich nach der Rückkehr geradezu begeistert über den “schönen Tag”. Sie aufgekratzt und wach und sah gut erholt aus.

Irgendeinen Mann (Betreuer oder Gast) habe sie beobachtet, erzählte sie und meinte: “Der sah richtig schnuckelig aus!” Sie hat Spiele mitgemacht, auf einem schönen Sessel mittags geruht, gut gegessen, viel geschnackt usw. Welch eine positive Überraschung!

19. Februar 2013

“Man grübelt lange nach einem Namen, und mit einem Mal ist er da”, sagt die Oma zu mir und fügt hinzu: “Aber genauso schnell ist er auch wieder weg.” –

Die Tage mit Oma sind in ihrer Dynamik stets Unikate. Schlechter oder guter Start – das wird im Laufe des Tages ebenso vergessen und auf den Kopf gestellt wie Kleinigkeiten zwischendurch. So ist auch ihre anfängliche Begeisterung für die Tagespflege mittlerweile verblasst, so dass sie es nun als großen Nachteil betrachtet, an den Tagespflege-Tagen früher aufstehen zu müssen.

Als sie heute kurz vor dem Abendessen mürrisch auf ihrem Sessel saß und ich nachfragt, meinte sie: “Irgendjemand möchte nicht, dass ich hier wohne.” Und auf meine Frage, wer das sei, antwortete sie: “Deine Mutter.”

20.. Februar 2013

Unsere Oma hat immer wieder Anfälle von Miesepetrigkeit. Sie vergisst, wo die Papiertaschentücher liegen und verdächtigt andere des Mitgehenlassens. Ich biete ihr an, sie könne alte Taschentücher einfach auf die Spüle legen, um sie los zu sein. Sie antwortet, dass sie die alten Taschentücher auch “nach Hause” bringen könne, wenn es hier zu viel sei und so weiter. –

Mauligkeit ist etwas Unangenehmes, auch wenn man sie erklären kann… Eben gerade saß die Oma da, sagte kein Wort, hielt sich die Zeitung vors Gesicht und kuckte mich nicht einmal an, während ich ihr etwas sagte. –

Zur Zeit leidet sie wieder besonders heftig unter ihrer Vergesslichkeit: “Ich wäre doch auch gern ein anderer Mensch so wie früher. Aber ich bin es nicht!” Sie spricht über ihre Ängste, auf “fremde Leute” zu treffen und nicht zu wissen, was sie sagen soll. Sie wisse doch nichts und verliere dauernd den Faden usw. Wir könnten uns nicht vorstellen, wie es ist gar nichts mehr zu wissen. –

Nach einem langen Gespräch mit Bestätigungen und Relativierungen und Berichten meinerseits über das Geschehen der vergangenen Tage ist die Oma wieder etwas ruhiger. Sie trinkt ihre Milch und isst die Praline und den Keks… –

Man sollte dementen Menschen immer wieder aus ihrem Leben erzählen, sowohl von ganz früher als aus der unmittelbaren Vergangenheit (zum Beispiel vom heutigen Vormittag) – das sagt meine Erfahrung. –

Im Hauptberuf bin ich zur Zeit eindeutig Altenpfleger, der nebenbei einigen intellektuellen Vergnügungen frönen kann – Zeitungen und Bücher lesen, Glossen schreiben, Wein trinken, nachdenken. Und trotzdem: Kein Leiden. Ich bin lebendig, und das ist gut so.

21. Februar 2013

Die Oma ist gerade zur Tagespflege abgeholt worden. Ich glaube, ich war aufgeregter als sie. Aber es hat alles gut geklappt (sehr freundlicher Fahrer). Kleine Aufregung: Eigentlich sollte der Fahrer gegen 8.15 Uhr kommen. Als es etwa eine Viertelstunde vorher klingelte, sprang ich auf und flitzte zur Tür. Es war eine Freundin, die den Schlüssel vergessen hatte. Und auch die Pflegerin hatte vorher für Unruhe gesorgt, wiel sie bereits um 7.10 Uhr vor der Tür stand (verabredet war 7.30 Uhr).

Aber wie gesagt: Schließlich klappte alles gut. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Gerade eben (am Nachmittag) kam eine wieder begeisterte Oma von der Tagespflege zurück. Nach ihren Angaben hatte sie nicht einmal Zeit für einen Mittagschlaf. –

Vorher über Mittag hatten Rita und ich erstmals seit langer Zeit einen Spaziergang gemacht und auswärts gegessen. Sehr schön!” –

Wer sich auf unbekannte Situationen einfach so einlassen kann, hat offensichtlich die Fähigkeit, interessante Erfahrungen zu machen… –

Vielleicht später als Titel für meine Notizen: “Unsere verrückte Oma – Ein Demenz-Tagebuch”. –

Mein Leben hat auf überraschende (und nicht ganz freiwillige) Art einen neuen Mittelpunkt bekommen, und der heißt Oma. Mein Leben – das ist vielleicht zuviel gesagt; mein Alltag hat einen neuen Mittelpunkt bekommen.

22. Februar 2013

Unser Oma beschäftigt sich mit ihrer Vergesslichkeit. Heute zeigte sie auf einen Artikel in der Zeitung und sagte: “Demenz – das ist meine Krankheit, nicht?” –

Sie schläft wieder viel in der letzten Zeit und wirkt schwächlich und schwindelig. –

Ich habe das erste Mal seit langer Zeit wieder Probleme mit meinem Rücken. Ich vermute, da verschafft sich der seelische Druck doch ein wenig Entlastung. Zu diesem Druck gehört zum Beispiel auch, dass ich ständig der Meinung bin, Omas Fußtritte zu hören. Ich habe auch seit längerer Zeit keine Musik mehr angemacht, weil ich fürchte, Oma nicht bemerken zu können. –

Rita ist mit ihren Freundinnen über das Wochenende nach Cuxhaven gefahren. Die Oma schläft jetzt, nach dem ich doch noch den Pflegedienst anrufen musste, um sie fürs Bett fertig zu machen. Und ich sitze am Feuer, umzingelt von Kerzen, und memoriere. Was fehlt mir da (außer meiner Frau) zu meinem Glück? Wie bewahrt sich ein Mensch eine solche Stimmung in seiner Seele? Ich befürchte: Gar nicht. Da hilft nicht einmal das Aufschreiben. –

Ob Rita schon irgendwo anders im Leib Krebs hat, das ist alles längst entschieden und gewachsen. Jetzt geht es nur noch um die Aufdeckung. Die Hoffnung zielt auf die Feststellung “Kein Befund”. Aber mit etwas Anderem werden wir auch leben und sterben müssen.

23. Februar 2013

Alle Warterei und alle Lückenfüllerei beim Warten nervt mich. Kommt der Pflegedienst rechtzeitig? Muss ich anrufen, wenn er sich verspätet? (Gestern Abend wäre er ohnen meinen Anruf gar nicht gekommen, weil wir angeblich nicht auf dem Plan standen.) Wie lange frühstückt die Oma noch? Wann frage ich sie, ob sei eine heiße Milch möchte oder Lust zum Spazierengehen hat?

Wann wacht die Oma auf, damit ich sie fragen kann? Wie organisiere ich den Tag, damit sie weder überfordert noch gelangweilt wird? Und das Warten, beispielsweise bis das Wasser für die Wärmflasche heiß genug ist… –

Ich müsste so vieles aufschreiben.

Heute Nachmittag wollte ich die Oma zum Spazierengehen überreden, aber es war ihr zu kalt. “Ich habe zum lieben Gott gesagt, ‘Ich gehe nicht raus’ und er hat geantwortet ‘Bleib du man drin’.” Dann kuckte sie mich an und lachte aus vollem Herzen. –

Manchmal schafft sie es, sich ganz entspannt in ihrer Vergesslichkeit einzurichten. “Wie heißt du noch mal? Helmut?” fragte sie mich heute, als sie mir auf dem Flur entgegen kam. –

Um 22 Uhr saß die Oma im Badezimmer auf dem Stuhl, als ich eher zufällig vorbei kam (allerdings meinte ich Geräusche gehört zu haben). Sie klagte über zu wenig Luft und fragte, ob ich bei ihr bleiben könne.

Ich habe ihr einen halben Becher mit warmer Milch gemacht und mich bei ihr ans Bett gesetzt.

Jetzt (22.40 Uhr) versucht sie zu schlafen. Ob nicht einfach jemand ihr Atmen abstellen könne, frage sie vorhin und antwortete sich selbst: “Aber das kann wohl nicht mal der Arzt.”

24. Februar 2013

In der Nacht war ich noch zweimal bei ihr, und sie klagte weiter. Heiße Milch, die Wärmflasche und meine Anwesenheit waren meine einzigen Gegenmittel. –

Gegen 2 Uhr war ich zuletzt bei ihr. Danach hat sie offensichtlich geschlafen, denn heute Morgen ist sie ganz klar und ausgeglichen. Ich selbst habe sehr unruhig geschlafen, zumal es draußen heftig gestkürmt hat und ich ständig meinte, Omas Schritte zu hören. –

Heute ist die Oma trotz der gestrigen Probleme erstaunlich guter Dinge. Ich konnte sie sogar zu einem Spaziergang überreden (eine halbe Stunde, am Ende klagte sie über schmerzende Nieren).

Nach dem Spaziergang hat Mama das erste Mal seit langer Zeit wieder den Fernseher eingeschaltet, nachdem sie schon beim Kaffeetrinken überraschend über das Fernsehen gesprochen hatte.

25. Februar 2013

Heute Morgen um 6 Uhr stand die Oma fertig angezogen in der Küche, und der Pflegedienst konnte abbestellt werden. Glücklicherweise legte sich ihre Verwirrtheit und sie grantelte auf witzige Weise herum. Zu Rita sagte sie einmal “Ziege!” und ergänzte: “Zu seiner Tochter darf man das sagen.”

Als ich ihr gegenüber erwähnte, dass heute die gelben Säcke abgeholt werden, fragte sie biestig: “Und was habe ich damit zu tun?” Als sie dann zur Tagespflege abgeholt wurde (vorher hatte ich ihr noch einmal von ihrer Begeisterung nach den letzten Besuchen bei der Tagespflege erzählt), war sie wieder ganz vergnügt.

Im Weser-Kurier von heute las ich ein Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach: “Dass alles vergeht, weiß man schon in der Jugend; aber wie schnell alles vergeht, erfährt man erst im Alter.” Wohl wahr. –

Gegen Abend wurde die Oma ganz mürrisch und abweisend. Sie wollt nicht zum Abendessen kommen und warf mich aus ihrem Zimmer, als ich noch einmal nachfragte (“Geh jetzt raus!”). Unserer Nachbarin erging es bei einem Besuch im Zimmer ebenso.

Oh, dieses heftig emotionale Auf und Ab, das von außen nicht zu beeinflussen ist! Mich macht eine solche Situation sehr unruhig, insbesondere beim Blick auf die kommenden Tage, wenn Rita ins Krankenhaus muss. –

Rita hat bestimme eine Stunde mit der Oma gesprochen bevor der Durchbruch gelang. Es wurde deutlich, dass sich auf diese Weise immer ihre Verzweiflung über die eigene Verwirrtheit Bahn bricht. Dieses Leiden löst ihre schroffen Zurückweisungen uns gegenüber aus. –

Heiterkeit im Hier und Jetzt, lautet für uns die Parole. Es geht nicht um das Verdrängen, sondern um das ständige Relativieren.

26. Februar 2013

Gerade eben habe ich Rita ins Krankenhaus gefahren (Hautklinik). Wenn das Wünschen etwas helfen würde, wüsste ich, wie die Sache ausgeht. –

Nach einer ersten Untersuchung meldete Rita vorhin leichte Entspannung: In 90 Prozent derartiger Fälle reicht das Nachschneiden, ohne dass es Weiterungen gibt. –

Und immer fühle ich diese leise Bänglichkeit, dass die Oma aus ihren nächtlichen Träumen in verrutschter Gestalt in meiner Wirklichkeit auftaucht und mich in Unruhe versetzt…

3. März  2013

Am vergangenen Freitag habe ich Rita wohlbehalten aus dem Krankenhaus zurück geholt. Offensichtlich sind wir wieder einmal glücklich davon gekommen…

9. März  2013

Aus einer Theaterkritik: Der Mann hält seiner Frau ihre Unlust vor. Ihre Antwort: “Frigide? Ich? Na, da frag mal den Postboten!” Solche Pointen gefallen mir.

13. März  2013

Heute ist der Riesenberg Sperrmüll vor dem früheren Haus von Oma abgeholt worden. Wir hatten alles gestern aus dem Haus geschleppt – Sofas, Sessel, Schrankteile, Lampen, Bilder, Stühle und so weiter.

Ein Trauerspiel, das ich immer verdrängen muss.

19. März  2013

Am Vormittag war die Oma bei ihrem Hausarzt in der Praxis. Sie ist allerdings beim EKG auf der Liege eingeschlafen. Am Nachmittag war sie zum Frisieren in ihrem Friseursalon.

20. März  2013

Frühlingsanfang bei eisigen Temperaturen, und die Oma liegt im Sterben – wenigstens wenn der Arzt dieses Mal Recht behält.

Heute Vormittag konnte sie noch allein zur Toilette gehen. Am Nachmittag mussten wir sie zu zweit dorthin mehr oder weniger ziehen. Aber das Herz schlägt noch weiter… –

19 Uhr: Die Oma hat ein halbes Stück Schokolade und ein paar Löffel Joghurt gegessen und einen Schluck warme Milch getrunken. Sie spricht mit uns und versteht uns.

20.10 Uhr: Die Oma fühlt sich etwas besser. Sie war wieder auf der Toilette (es ging besser als am Nachmittag). –

Wie grausam und quälend der Verlust des Gedächtnisses (und dadurch des Ich-Bewusstseins) ist, hat mir Omas Schicksal in aller bedrückenden Klarheit vor Augen gestellt. Das macht mir Angst.

Und diese Angst, die sie durchlebt hat, liegt jetzt hinter ihr. Zumindest das hat sie überstanden. –

22.15 Uhr: Omas Körper ist immer noch voller Energie, und in ihrer Seele ramentert es unüberhörbar. Rita schläft auf einer Matratze in Omas Zimmer.

Was hat die Oma immer noch für eine innere Kraft Wie oft hat sie uns gefragt: Bin ich schon tot oder lebe ich noch? –

Morgen früh soll unser neues Enkelkind auf die Welt kommen.

21. März  2013

Anruf aus dem Süden: Die kleine Mila ist gut auf die Welt gekommen, und auch die Mutter ist wohlauf. Wunderbar! Gleichzeitig liegt unsere Oma weiterhin voller Unruhe in ihrem Sterbebett. –

In der Mittagspause sitze ich in Omas Zimmer und bewache ihren Schlaf. Sie schiebt häufig die Decke beiseite. Sie atmet immer wieder phasenweise sehr heftig und stöhnt und schreit sogar manchmal. Nur für Augenblicke liegt sie ganz ruhig. –

Heute Abend wurde der Oma das erste Mal ein Schlafmittel gespritzt. Seitdem schläft sie ganz ruhig. –

22. März  2013

Die Oma ist tot. Wir haben längst Abschied genommen. –

Beim Nachdenken wird mir klar, dass mir ein Alltag mit unserer Oma als dem Mittelpunkt verloren gegangen ist. Noch einmal wieder eine Chance zu einer Neuorientierung.

10. April  2013

Das gute halbe Jahr mit der Oma in unserer Wohnung liegt wie eine unwirklich gewordene Erfahrung in unserer Erinnerung.

Die räumliche Situation ist fast wieder wie vorher. Nur Omas Zimmer ist immer noch in unserem Schlafzimmer eingerichtet.

Ich sitze wieder unangefochten auf meinem roten Sessel vor dem Kamin – auf einem Platz also, der sofort geräumt wurde, wenn die Oma das Zimmer betrat.

Für uns hat ein veränderter Alltag begonnen…

 

Durch einen >>>Klick an dieser Stelle geht es zum Anfang des Gesamttextes des Demenz-Tagebuchs.


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